"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 19 December 2008

Sonnenuntergang in Nord-West-Deutschland

Seit Jahren orientiert sich mein Leben zunehmend an der Achse Rhein-Ruhr/Norddeutschland und damit an der Eisenbahnstrecke Düsseldorf-Dortmund-Münster-Bremen-Hamburg.

2005 in Paris entschloss ich mich nämlich, auf Flugreisen zu verzichten. Als ich also am 2. Januar 2006 nach Deutschland fuhr, um ein Praktikum in Hamburg anzufangen, reiste ich mit dem Eurostar nach Brüssel und von dort aus mit dem Nachtzug in die Hansestadt.

Es war eine ziemlich schlaflose Nacht. Nicht nur, dass ich wegen des bevorstehenden Neustarts aufgeregt war oder dass ich Koffer und Taschen in nicht von einem menschlichen Körper zu bewältigenden Mengen dabei hatte, sondern die sechser Abteilung war auch noch vollgebucht: Wir schliefen, schnarchten und schwitzten zu sechst. Die Luft wurde schnell stickig – ganz wie im Flieger – und dann noch schlimmer.

Statt zu schlafen, schaute ich mir die schlafenden Städte an, durch die wir fuhren. Lüttich, Aachen, Dortmund, Münster, Bremen, Hamburg. Erst Monate später nach der Uhrumstellung im März sah ich die Strecke von Dortmund bis Hamburg bei Tageslicht. Flache, grüne Landschaften, urige Bauernhöfe, Städte voller stolzer Gebäude aus der Gründerzeit und gelegentlich Industrie-Klötze.

Nach Paris, ab Paris, über Brüssel nach und von London: jahrelang ging alles mit jenem Nachtzug, jenem „CNL Andromeda“, dessen Ausgestaltung dem antikgriechischen Namen irgendwie nie gerecht wurde. Inzwischen gewöhnte ich mich an die Luft – die sechser Abteilungen waren stets voll – und ich schlief jedes Mal einfacher ein. Eine gewisse Spannung blieb dank dem romantischen, 50er-Jahre-mäßigen Charme der Idee, nachts zu fahren, zwar immer noch. Doch das ganze wurde irgendwann zur Gewohnheit. Ganz wie andere Leute routinemäßig in den Flieger stiegen, verstaute ich meine Koffer irgendwo, zog mich aus, steckte mein Geld in meine Unterwäsche und schlief ein.

Wurde ich Richtung Hamburg schon bei Dortmund wach, wußte ich Bescheid, ich konnte noch drei Stunden schlafen. Bei Münster noch zwei.

Seit dem endgültigen Umzug nach Deutschland im Januar 2008, fahre ich die Strecke auch viel tagsüber. Irgendwo zwischen Brüssel, Düsseldorf, Dortmund, Münster und Hamburg fühle ich mich zunehmend heimisch. Ich kenne die Strecken, kenne die Städte, die sie bedienen, und kann jederzeit – bei Tag oder bei Nacht – von der einen in die andere fahren.

Die stolzen Werbesprüche der Deutschen Bahn von wegen „Mobilität“ fingen irgendwann mal an, sich im nordwestlichen Viertel des deutschen Bundesgebiets, im so genannten westniederdeutschen Sprachraum, zu verwirklichen. Egal, ob ich in London, Düsseldorf, Dortmund, Münster oder Hamburg wohnte: alles erreichbar, jeder Zeit, und das ohne unheimlich viele CO2-Ausstöße zu verursachen. Ein schönes, modernes, urbanes, abwechslungsreiches Leben in Europas am dichtesten besiedelter Ecke.

Ich hielt mich für einen Vorreiter.

Aber kein einsamer: Die Züge waren immer ausgelastet, vor allem die Nachtzüge. Deutsche Beamte aus Brüssel, Geschäftsleute aus Paris - ganze Familien, die sich dank des Nachtzuges immer am Wochenende sahen. Dazu Einwanderer, Touristen, Musiker... Tausende, die mit dem Nachtzug durch Nordwest-Europa mit einem klimafreundlichen, sozialen Verkehrsmittel zogen.

Es konnte ja nicht lange dauern, bis die ganzen Fluggäste und Autofahrer aufwachen und mitfahren würden. Dieses war für mich eine Art, einen wichtigen Beitrag zum Schutz unseres Planeten zu leisten, eine gänzlich glänzende Zukunft.

Welch idiotisches, hubristisches Denken.

*

„Im Fahrplanjahr 2008 wurden die Verbindungen zwischen Berlin und Hamburg nach Paris über Bremen, das Ruhrgebiet und Belgien angeboten. Auf Grund einer langfristigen Baustelle im Bereich Bremen und wirtschaftlicher Betrachtung einer möglichen ganzjährigen Linienführung sind diese Linien im Fahrplanjahr 2009 in dieser Form jedoch nicht mehr mit dem gewohnten
Streckenverlauf produzierbar. Aus diesen Gründen entfällt ab 14. Dezember 2008 der CNL 236 Andromeda“ hieß es auf schönstem Bahndeutsch.

Entfällt?

Fällt komplett weg! Eine Lebensart. Ein Traum. Eine Zukunft.

Hamburg wird jetzt nur noch über einen Umstieg in Hannover nachts mit Paris verbunden. Brüssel wird gar nicht mehr angefahren. Statt über Nacht bequem von der Hansestadt nach Brüssel zu fahren und dann vor dem Frühstück in London zu sein, muss ich jetzt einen ganzen Tag aussetzen und erst in Köln und dann nochmal in der belgischen Hauptstadt umsteigen. Die Fahrt nach Paris wird ebenfalls länger durch die Umstellung – auch nachts.

Genug, um die ganzen Europa-Abgeordneten und Geschäftsleute wieder in den Flieger zu drängen: Lufthansa erhöht schon die Frequenzen.

Ich werde weiterhin Bahn fahren, weil ich das gar nicht anders kann. Wieder in das Flugzeug zu steigen wäre für mich das Ende meines Projektes, diese Erde zu verlassen, ohne bewusst auf ihr großen Schaden angerichtet zu haben.

Ich werde einfach mehr Lesematerial brauchen für die Fahrt. Werde mehr Zeit einplanen müssen und vielleicht mehr im Zug arbeiten, um das auszugleichen, statt mir die schönen, platten Landschaften und ganzen Industriestädte durchs Fenster anzuschauen.

Aber wie soll es weitergehen, wenn die Bahn dann Einschnitte in den Fernverbindungen tagsüber vornimmt? Denn das kommt bestimmt als nächstes. Ich werde zunehmend Rückschläge hinnehmen müssen, mich längeren und umbequemeren Reisen aussetzen müssen, bis ich 2050 wohl als einziger Fahrgäste mit weißem Bart und knotigem Wanderstock im letzten Fernzug von Hamburg nach Düsseldorf sitze.

Die Bahn sieht die Zukunft halt nicht so, wie ich sie sehe.

Ich bin also kein Vorreiter: Ich bin ein Atavismus.

Friday, 14 November 2008

Die englischsprachigen Medien und die Deutschen

Dass die englischen Medien gerne die Deutschen aufs Korn nehmen, wird einem spätestens bewusst, wenn man sich The Sun um eine Fußballmeisterschaft kauft.

Doch auch in seriöseren Zeitungen nehmen Nachrichten aus Deutschland einen eher kleineren Platz ein. Es sei denn, die fragliche Meldung ein paar Stereotypen bedient: Deutsche Soldaten saufen. Sie können nicht kämpfen, sondern nur Bier trinken. So nach dem Motto: Wohl deswegen hätten wir den Krieg gewonnen.

Wie ich allerdings unsere britische Truppen sowohl zu Hause als auch "im Einsatz" in Münster erlebt haben, sollte The Guardian vorsichtig mit Meldungen über Alkoholismus unter deutschen Soldaten umgehen.

Nicht, dass die Redaktion hier die deutschen etwa pauschalisierend in die Pfanne haut - Guardian ist ja der Innenbegriff von Qualitätsjournalismus auf der Insel - sondern nur, dass andere wichtigere Geschichten über Deutschland teilweise gar nicht gemeldet werden.

Wednesday, 5 November 2008

Wednesday, 22 October 2008

U-Bahn, Straßenbahn, wie-auch-immer-Bahn...

Offfenbar haben also auch Deutsche Probleme, die zahlreichen deutschen öffentlichen Verkehrsmittel voneinander zu unterscheiden...

Also nicht nur Engländer lassen sich von S-, Straßen-, U- und sonstige Bahnen verwirren.

Tuesday, 21 October 2008

In vino amicas

Als Engländer erlebte ich erst kurz nach der Jahrtausendwende eine Weinbauregion aus nächster Nähe, als ich nach Frankreich zu einem Brieffreund von mir ins Elsass fuhr. Neben der Weinstraße lag das Landgut der Famille Fritsch, jenes gediegene, adlige Grundstück wo jeder Sommer im baufälligen Herrenhaus verbracht wurde – und wo das Leben immer noch vom Rhythmus der täglichen Verpflegung geprägt war -. Es wurde draußen im grünen Garten sinnlich gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen: Choucroûte, Flammkuchen, Kugelhoepf, köstliche elsasser Spezialitäten in Hülle und Fülle, alles mit geschmeidigen und dennoch frischen Weißweinen serviert. Alles, außer das Frühstück, natürlich.

Eines Morgens jedoch fuhr ich mit dem Opa los auf die Weinstraße. Auf seinem Lieblingsweingut kamen wir schon vor elf an und die pflichtprogrammliche Verköstigung begann sodann. Riesling, Gewürztraminer, Grauburgunder, die Klassiker eben. Dann kamen aber andere, unerwartete Gaumenfreuden, wie Bordeaux und Burgunder zum Beispiel, rot, aber aus dem Elsass. Erst um den Mittag schlossen wir diese alkoholische Probestunde mit eaux de vie dann ab.

Die Fahrt nach Hause, kutschiert durch den gebrechlichen, halb-blinden und jetzt halb-blauen 80-Jährigen war und bleibt immer noch eine der lebensgefährlichsten Situationen, in denen ich mich je befunden habe. Und als wir zum Mittagessen – spät, rüpselnd und – ich meinerseits – zitternd und die Hosen gestrichen voll – endlich ankommen, so beklagte sich die Mutter des Brieffreundes, ich sei besoffen und könne mich – wie alle Engländer – nicht beherrschen.

*

Mit meinem zweiten Besuch in einer Weinbauregion verlief es anders. Sieben Sommer später war ich mal wieder an der Weinstraße, allerdings nicht mehr im Elsass, sondern nördlicher, in der Pfalz, in Neustadt. Französische Baufälligkeit wurde durch ein hochmodernes Hotel, die dicke, weinflaschenbodenartige Brille des 80-Jährigen durch die etwas vertrauenswertere Sehkraft eines guten Freundes ersetzt. Anstatt einer dünnlippigen Familien-Mutter begrüßte mich eine reizende Frau. Nur die Landschaft, der Wein und die gastronomische Sinnlichkeit blieb erfreulicherweise unverändert.




Die Pfalz: Hier aß ich zum ersten Mal Saumagen, trank den besten Dornfelder meines Lebens und lernte, wie das Wort „gell“ einzusetzen ist. Hier wurde ich von freundlichen Gastwirten auf die Schulter geklopft und sofort geduzt, als ich den Wein lobte. Hier erlebte ich Gastfreundlichkeit, wie ich sie noch nicht kannte.

Denn nicht ohne Woiknorze, Schweinschwänze und Wein ging meine Reise nach Frankfurt an jenem Wochenende weiter. Weder auf das wohl fürchterliche Essen im dortigen Hotel noch auf ihre Abzockerpreise für Wein sollte ich angewiesen sein, so meine Gastgeberin: Ein Schorleglas und ein Korkenzieher befanden sich ebenfalls in der Geschenkstüte. Selbst im marmorbedeckten Steigenberger Hotel neben dem Frankfurter Hauptbahnhof konnte ich die Pfalz an dem lauen Sommerabend noch schmecken. Selbst an der Elbe, zwei Monate später in der frischen, nördlichen Herbstkälte kann ich sie immer noch schmecken, wenn ich nur zurückdenke. Oder einfach das Wörtchen „gell“ höre. Oder von diesem herrlichen Essig-Aperitif trinke, den ich auch geschenkt bekommen habe...

*

Jetzt, wo es in meiner Wahlheimatstädte nördlich der Pfalz kalt wird, denke ich häufiger denn je an die Weinstraße. Und lege mir ordentliche Vorräte Dornfelder zu, um die kalten Nächte wärmer zu machen.

Thursday, 9 October 2008

Der Durchschnittsdeutsche

Stefan Schmidt, der Durchschnittsdeutsche, wächst und gedeiht und befindet sich zur Zeit bei Handelsblatt.com...

Friday, 26 September 2008

Schamloses Selbstfeiern

Liebe Lost-in-Deutschland-Leser und Zuschauer: Ihr seid nicht nur nett, lieb und kommetarfreudig, sondern immer zahlreicher.

Das freut mich!

Tuesday, 26 August 2008

U-, S-, Straßen, Stadt-, Schwebe-, H- oder D-Bahn?

Die verschiedene deutsche Bahne bringen mich als Ausländer selbstverständlich durcheinander. Aber nicht nur mich, sondern auch welche Deutsche. Band "Element of Crime" hat folgendes Lied zum Thema gesungen:

"Alle vier Minuten"

Alle vier Minuten kommt die U-Bahn hier vorbei
und alle dreieinhalb Minuten kommt ein neues Bier
und ich sage dir das ist ungesund
Weil es nämlich irreführend und gefährlich ist
wenn etwas U-Bahn heisst das über unsren Köpfen rattert schließlich steht das U
für Untergrund

Lass uns nochmal um die Häuser ziehn
Schonungslos und ohne Hintersinn
Willenlos und immer mittendrin
An den letzten warmen Tagen in Berlin

Andrerseits sagst du zurecht dass die Bezeichnung
Hochbahn auch ganz schlecht ist wenn man erst mal klärt dass dieser Zug kurz
nach Schöneberg in den Abgrund fährt
Abgrund ist ein gutes Wort für die Beschreibung jenes fortgeschrittenen Verfalls
der guten Sitten im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs

Lass uns nochmal um die Häuser ziehn
Schonungslos und ohne Hintersinn
Willenlos und immer mittendrin
An den letzten warmen Tagen in Berlin

Soll man nun der Sprache wegen diesen Teil der U-Bahn unter Schmerzen in die
Erde legen oder reicht es wenn man kurz vor Schöneberg die Linieneinfahrt
sperrt
Sicher gibt das böses Blut doch Sprache ist das wissen wir dass allerhöchste Gut
und ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg

Lass uns nochmal um die Häuser ziehn
Schonungslos und ohne Hintersinn
Willenlos und immer mittendrin
An den letzten warmen Tagen in Berlin

Gut, dass sich in dieser Welt noch jemand an die großen Fragen wagt und eine
Anstrengung gedanklicher Natur unternimmt ohne Geld
Gut auch wenn man so wie wir keinen Dank dafür erwartet und sich selbst nicht
lobt
Weil man bescheiden und genügsam gar nichts will als noch ein Bier

Lass uns nochmal um die Häuser ziehn
Schonungslos und ohne Hintersinn
Willenlos und immer mittendrin
An den letzten warmen Tagen in Berlin

Thursday, 14 August 2008

"Lost in Deutschland" bewegt sich!

"Lost in Deutschland" ist jetzt mehr als ein Blog!

Ab heute startet "Lost in Deutschland" als neues Format bei DerWesten.de, die Nachrichtenportal der WAZ-Gruppe.

Dieser Blog wird jetzt also durch eine Print-Kolumne in allen Blättern der WAZ-Gruppe und ein verbundenes Web-Video ergänzt. Oder wohl übertroffen. Aber nicht ersetzt.

Die Adresse für das ganze Projekt: www.lostindeutschland.de

*

Hinter dieses Projekt stecken Monate harter - aber unterhaltsamer - Arbeit und ich möchte mich hier bei allen bedanken, die da einen Beitrag geleistet haben. Vor Allen bei: Mario & Julius, Stephan, Iris, Michael & Mareike, und bei Markus & sämtlichen WAZ-Kollegen.

Darüber hinaus: Seit meiner Ankunft in Januar haben mich Mattias, Jürgen und die WR-Kollegen - sowie die Redaktionsmitarbeiter von den Westfälischen Nachrichten und Handelsblatt.com - viel unterstützt. Hier ein Dankeschön.

Letztlich bedanke ich mich bei Freunden und Kollegen aus Hamburg, die mir schon 2006 zugemutet haben, Journalismus in Deutschland zu machen, und bei allen anderen, die diesen Blog gelesen und mit mir diskutiert haben.

Thursday, 17 July 2008

Nicht "die deutsche Sprache" sondern "das Deutsche"

Als Übersetzer habe ich teilweise Schwierigkeiten, wenn ich solche Sätze in Englisch wiedergeben muss:

„Jeder Unternehmer will seine Rendite steigern“

Klar, das will er. Im Englischen will aber nicht nur jeder Unternehmer, sondern jede Unternehmerin ihre Rendite auftreiben. Da bringt man sich aber im Englischen teilweise in die Bredouille:

„Every businessman wants to improve his profits“

Geht einfach gar nicht. Bekommst du (berechtigterweise) Leserbriefe, womöglich Aufforderungen, eventuell Abmahnungen.

„Every businessman and businesswoman wants to improve his/her profits“

Zwar richtig, aber zu lang. Etwas unglücklich. Anbiedernd so nach dem Motto: „Guckt mal hier, ihr Feministen, ich setz mich doch für euch ein!“

„Every businessperson wants to improve their profits“

Hört sich im gesprochenen Englisch ganz gut an. Kann man aber nicht immer schreiben, weil „their“ und „person“ grammatisch eigentlich nicht einhergehen.

„Every businessperson wants to improve profits“

Oder sogar:

„All businesspeople want to improve profits“

Endlich mal eine gelungene Lösung.

*

Dieses Problem habe ich als Übersetzer immer wieder. Denn irgendwie ist es so, dass, obwohl die Frauenbewegung in Deutschland in mancherlei Hinsicht etwas, ähm, fortgeschrittener ist als ihre britische Schwester, die deutsche Sprache immer noch teilweise frauenverachtend ist.

Es gibt zwar „-in“-Endungen und das lange „I“ so wie im Wort „StundentInnen“, aber diese Neuschöpfungen hören sich nicht immer so ganz gut an. Doch mit denen wird’s oft übertrieben: Beispiel „Mitgleiderin“ und „MitgliederInnen“, wobei Mitglied natürlich sachlich ist. Und Gleichberechtigungsfreundlicher als die sachliche Gattung geht es einfach nicht.

Politisch korrekte Sprache wird also in Deutschland oft übertrieben. Aber sie wird leider oft gar nicht wahrgenommen. Einige würden behaupten, die Sprache sei oft verpönt, weil sie so lächerlich überzogen ist. Andere würden sagen, sie muss überzogen werden, um überhaupt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein regelrechter Teufelskreis.

Eins steht im jedem Falle fest: Im Deutschen ist es schwieriger, die Sprache neutral zu gestalten. Die Sprache ist nämlich hochgradig geschlechtgetrennt. Überall wo man hinguckt, werden Wörter, die gar kein Geschlecht haben müssen, als entweder männlich oder weiblich einsortiert. „Das kann ein Jeder machen“. Ja, gut, aber könnte das auch „eine Jede“? Oder ein Jedes?

Im Englischen geht’s wesentlich einfacher. Man muss nur das Geschlecht bestimmen, wenn man es weiß. Ansonsten steigt man bei anyone oder whoever ein, wo der Deutsche (!) sich „ein jeder/ein beliebiger“ oder „der, wer“ bedient. Im Schwedischen ist es auch so: Da gibt es nur zwei nennenswerte Gattungen mehr, Utra und Neutra. Meistens deckt någon Menschen ab, während något für Sachen und Tiere zum Einsatz kommt. Im Finnischen muss man sich sogar anstrengen, um die Gattung überhaupt klarzumachen. Denn das Schwedische verfügt immer noch über han und hon, er und sie, wo das Finnische über nur ein Pronomen für die ganze dritte Person verfügt: hän.

Das Interessante beim Deutschen ist aber, dass – grammatisch gesehen –wir eine übertrieben politisch-korrekte Sprache ebenso wenig nötig haben wie die gebräuchliche frauenverachtende Variante. Man könnte sich nämlich häufiger der Mehrzahl bedienen, wo im Deutschen immer noch eine Einzelzahl geläufig ist:

Wie wäre es denn mit: „Alle Unternehmer wollen ihre Rendite steigern“?

Monday, 30 June 2008

Committed to create value

Nicht, dass ich diesen Blog in eine sich nicht aufhören wollende Reihe von Scheinanglizismen und schiefgelaufenen Übersetzungen umwandeln will.

Aber ich kann's zur Zeit nicht umhin: http://www.handelsblatt.com/journal/presseschau/fruehsommer-blues-an-der-wall-street;2005608;3

Wednesday, 18 June 2008

We love the new!

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat einen neuen Slogan: http://www.derwesten.de/nachrichten/waz/2008/6/18/news-56352047/detail.html

"We love the new!"

Nur Schade, dass sie offenbar kein korrektes Englisch mögen. Denn die Konstruktion definitiver Artikel mit Adjektiv (z.B. "das Neue", "das Alte") lässt sich nicht so ins Englische übersetzen.

Ohne einen ergänzenden Substantiven hört es sich leider einfach nur bescheuert an.

Monday, 9 June 2008

Scheinanglizismen auf der Spur

Vor zwei Stunden oder so kam der Redaktionsleiter auf mich zu, und fragte, ob wir im Englischen die Zusammensetzung "Public Viewing" kennen.

Nein, kennen wir nicht. Es handelt sich hier um noch ein "Handy", noch ein "Bodybag", noch einen lustigen Scheinanglizismus.

Werbeleute von Deutschland, bitte, radebrecht meine Sprache ruhig weiter. Auf solche herrlichen Sinnentstellungen, wie ihr die immer hervorbringen, will ich keineswegs verzichten!

Thursday, 29 May 2008

Über Spargel und Gleichheit

Vor einigen Wochen war auf Spiegel Online zu lesen, dass „der Durchschnittsbürger kein Phantom mehr“ sei. Die deutsche Gesellschaft sei homogen, gleich, eintönig: „Die Durchschnittsdeutschen: Sind wir alle Langweiler?“ fragte der Spiegel im anschließenden Diskussionsforum. Schnell am Start war folgender Poster: „Ich selber bin sicher ein Langweiler! Hänge den Nachmittag lustlos vor'm Rechner ab und guck' in diesen komischen Themenstrang ...“ Doch waren viele andere Beiträge eher humorlos und ohne jegliche Selbstironie: „Ach, immer wieder diese Pauschalisierungen“ lautete der eine; „Ich bin in über 30 Ländern gewesen, und der Durchschnittsmensch ist überall langweilig.“

Ich selbst bin in nur ungefähr 10 Ländern gewesen, dafür muss ich doch sagen, dass mir so ungefähr dasselbe aufgefallen ist. Nur würde ich „langweilig“ durch etwas weniger Menschenverachtendes ersetzen: „derselbe“ etwa. Allerdings ist jede Gesellschaft anders dieselbe.

Das heißt: In jeder Gesellschaft gibt es Punkte, in denen sich die Menschen sehr ähneln. In vielen anderen unterscheiden sie sich jedoch sehr: An einigen Stellen reagieren sie fast alle berechenbar. Allerdings sind diese Punkte in jeder Gesellschaft anders. Der Brite, zum Beispiel, will generell nicht andere ansprechen und will nicht angesprochen werden. Verbringen Sie als Deutscher eine Woche dortzulande und versuchen Sie, die anderen zu grüßen, wann immer Sie das in Deutschland tun. Gehen Sie etwa in einem Laden und sagen Sie „Guten Tag“ – bzw. „Hello“ – und genießen sie die schockierte Reaktion des Geschäftsinhabers. Halten Sie sich dabei allerdings nicht allzu lange im Laden auf: Er könnte Ihre Grüße als Unheil empfunden und schon heimlich die Polizei angerufen haben.

Im Gegenteil grüßt der Franzose generell sehr gerne. So gerne, dass die Grußformeln dort dermaßen einheitlich sind, dass sie keine Bedeutung mehr haben. Im Deutschen kann man sehr schön variieren zwischen „Moin“, „Moin moin“, „Hallo“, „Guten Tag, „Tag“, „Tagchen“, „Hallöchen“, „Moinsen“ usw. (letztere aber nur dann, wenn man nichts dagegen hat, wegen der Verniedlichungsform als quasi „geistig zurückgeblieben“ ’rüberzukommen). Im Englischen kann man auch, trotz der Gruß-Stille des öffentlichen Lebens auf der Insel, abwechslungsreicher anfangen: „Hi“, „Hi there“, „Y’aright“, „What’s up“, „Hey“, „Hey there“, usw. Im Französischen demgegenüber sagt man entweder „Bonjour“ oder „Salut“. Das war’s. Da sagt der Franzose „Bonjour“ oder „Salut“ zurück. Auf alles andere reagiert er mit einem verblüfften „äh?“ bzw. „euh?“

Und die Deutschen ähneln sich in einigen Punkten sehr. Sie haben zwar unterschiedlichere Einstellungen zu Sachen, wo die Brite oder die Franzose oder wer auch immer als Gruppe reagieren. Aber bei anderen Angelegenheiten reagieren sie komplett einheitlich. Zum Beispiel bei Spargel.

Der Engländer isst sehr gern Spargel. Es fällt aber bei einem Besuch nicht auf, weil Spargel zwar gegessen wird, aber nicht auf „einheitliche“ Weise. Das heißt, der Engländer isst seinen Spargel mit Rührei, in Salaten, mit Pasta, als Auflauf, als Beilage. Die Franzosen sind auch leidenschaftliche Spargelesser. Allerdings tendieren sie dazu, Spargel in Restaurants mit Vinaigrettesauce, mit Orangen-Dressing, in Soufflés anzubieten. Der Spargel im Ausland ist unberechenbarer Außenseiter. Das eine „Spargelessen“ wie in Deutschland ist da nicht zu finden.

Denn beim Spargel sind wir auf einen wirklichen Durchschnittsdeutschen gestoßen. Der Spargel hierzulande sieht sehr gleich aus, wird zum gleichen stolzen Preis verkauft und wird überall gleich gegessen. An dieser Stelle sollte ich klarstellen, dass ich dies ganz ohne Werturteil sage. Ferner: Ich sage das sogar positiv bewertend. Ich finde „das Spargelessen“ schön; aber ich finde es immerhin seltsam, dass es das überhaupt gibt. Genau wie es dem Engländer angesichts eines schönen Stück Schellfisch quasi nichts anderes einfällt, als das Frittieren und Mit-Pommes-Servieren, sehen die Deutschen Spargelstangen und denken nur an Molkereiprodukte und Schinken.

Was ich aber sehr schön an den regelrechten deutschen Spargelwahn finde: Es ist sinnvoll. Ökologisch, gesundheitlich, geschmacklich sinnvoll. Spargel schmeckt geil, ist gesundes Grünzeug und wird in Deutschland angebaut. Anstatt energieintensiv Mangos hierher zu transportieren und Gewächshaus-Tomaten das ganze Jahr lang zu essen, huldigen wir hier ein einheimisches Produkt.

Manch eine Tradition, die zum Klischee geworden ist, weiß man erst dann wieder zu schätzen, wenn man sie aufs Beste erlebt. Dass quasi alle Deutschen - laut Spiegel - denselben Haarschnitt haben, ist natürlich schlimm. Aber dass sie alle im Frühling zusammenkommen, sich über ein einfaches Gemüse freuen und die Geselligkeit genießen, ist doch schön.

Monday, 21 April 2008

Lost in Düsseldorf: Hilfe!

Düsseldorf. Nicht jedermanns Lieblingsstadt. Dennoch eine meiner Lieblingssorte. Hier habe ich als Kind und als Jugendlicher eine Mischung aus Ordnung, Schönheit und Lebensqualität erlebt, die ich gar nicht von England kannte. In den 90er Jahren, als ich die Stadt kennenlernte, kamen mir die langen, geradlinigen Straßen, das flache, berechenbare Land, die ruhige, gut gekleidete Bevölkerung in Gegensatz zum chaotischen London regelrecht exotisch vor. Ich fragte mich, wie man eine Großstadt überhaupt so zu gestalten vermochte. Düsseldorf trug zu meiner wachsenden Begeisterung zu Deutschland wesentlich bei. Denn Ordnung gehört bekanntermaßen zum Wesen der Deutschen: Düsseldorf ist insofern ur- bzw. überdeutsch.

Ich hatte also vor, mein Auslandsjahr teilweise hier zu verbringen. Dann kam aber ein verlockendes Angebot in Hamburg, und da wurde ich zum ersten Mal in Deutschland wohnhaft. Zwar erlebte ich Hamburg als eine schöne, eine faszinierende, eine ausgezeichnete Stadt. Zwar will ich später eher in Hamburg dauerhaft wohnen. Doch die Stadt hat mich enttäuscht. Sie war eben nicht deutsch – nicht Düsseldorf – genug. Diese zauberhaften venezianischen Gebäude; dieses spannende Getümmel am Hafen; diese achterbahnmäßige U-Bahn, die einen durch die Gedärme der Stadt und anscheinend beliebig raus ins Freigehege, ja fast in die Elbewässer schmeißt. Nach sechs wunderbaren Monaten in Hamburg hatte ich das Gefühl, noch nicht in Deutschland gewohnt zu haben.

Nein. Ich hatte in Düsseldorf ein unerledigtes Geschäft. Ich beschloss schon damals, hier eine Zeit zu wohnen und zu sehen, ob der Reiz der Ordentlichkeit mich mehr als eine Woche hie und da halten konnte.

Als ich hier vor zwei Wochen eines Sonntages ankam, war ich immer noch begeistert. Frisch aus dem schönen Chaos der belebten Münsteraner Gassen kam mir die Stadt Düsseldorf genau so vor, wie sie es vor zehn Jahren getan hatte. Die Gebäude waren dezent, karriert, teilweise monumental; dafür nie auffallend. Die langen, geraden Straßen waren gleichmäßig, geplant bebaut. Und es fuhren in fast jeder leeren Allee graue, ruhige, ultra-moderne Straßenbahnfahrzeuge. Im hellen, sonnenlosen Licht Nordeuropas sah die Stadt beinahe wie die Verkörperung der Aufklärung aus. Ein urbaner, bildungsbürgerlicher Vernunftstraum.

Doch ich wusste, dass das Wesen einer jeglichen Großstadt auf Chaos, auf Unberechenbarkeit beruht. Am Sonnenuntergang blickte ich von meinem Fenster im sechsten Stockwerk eines Bilker Wohnblocks auf die Stadt hinunter, zündete mir eine Zigarette an, und wartete auf das Unerwartete.

*

Eines Montagmorgens erwachte Brian Melican in seinem Zimmer und beschloss, sofort aufzustehen. Da er beabsichtigte an dem Tag, ein neues Praktikum anzufangen, galt es, rechtzeitig, gut gekleidet und ausreichend mit Kalorien versorgt am neuen Abeitsplatz anzukommen. Daher war er vorsichtiger als sonst mit dem Knoten seiner Krawatte, mit dem Setzen seiner Manschettenknöpfchen, mit dem Verzehr seiner anschließender Tasse Kaffe und Croissant in einem Bäcker des Viertels. Es werde ein guter Tag, dachte er sich, als er einer Kopie jener „Rheinische Post“, jenes Blattes, das Generationen von Redakteuren ihren Aufstieg im Mediengeschäft gewährte, zügig und effizient durchlas. Die Rechnung beglichen und das Personal des Etablissements gegrüßt, setzte der junge Brian Melican seinen Arbeitsweg, den er am vorigen Abend anhand einer frisch gekauften und entsprechend erfeulich gleichmäßig gefalteten Karte sorgfältig verinnerlicht hatte, fort.

Im Gehen biss er in den Apfel, den er sich für das Frühstück aufbewahrt hatte und hörte, wie die Uhren zehn schlugen. Zeit habe er noch. Er könne sich langsam, ohne ins Schwitzen zu kommen, rechtzeitig in die Kasernenstraße begeben. Er lächelte. Mit jedem strammen Schritt atmete er tiefer, zuversichtlicherer ein.

Auf einmal vernahm er unten am Boden durch sein ledernes Schuhwerk eine Unregelmäßigkeit. Es platschte. Bei einer näheren Untersuchung von dem, worauf er getreten hatte, stellte der junge Melican fest: es war eine Rattenleiche. Entsetzt machte er sich zügigst davon, immer auf seine Schuhe und Hose blickend, um nachzusehen, ob diese durch die Begegnung beschädigt worden war.

Zwei Straßen weiter hatte er sich erholt. Er habe Glück gehabt, wiederholte er sich, sein linker Schuh sowie seine Hose befanden sich immer noch unbefleckt. Es sei eine tote Ratte gewesen. Nichts weiteres. Entsetzlich, sicher, aber immerhin nur ein verstorbenes Ungeziefer. Dieser beruhigende Gedanke sorgte immer noch für gute Stimmung, als er in die Hüttenstraße, jene wohl aussehende Reihe von ungeschmückten, anständigen Wohnhäusern, unter der Eisenbrücke ging. Die Finsternis und der Gestank würden schnell vorbei sein. Rattenleichen gebe es da wohl nicht mehr.

Wieder im Tageslicht in der sonst leeren Straße sah er, wie ein Fußgänger auf ihn zukam. Als er näher rückte, bemerkte Brian M., dass der Mann zwar nicht arm oder verzweifelt, aber trotzdem anbiedernd aussah. Seine Hände hielt er an seiner Brust zusammen. Er avancierte nur langsam, vorsichtig. Und zwar dermaßen, dass der junge Brian M., der sich immer noch einer guten Kondition erfreute, ihn zweifelsohne hätte umgehen können. Doch entschied er sich, das Anliegen des Unbekannten anzuhören, und ließ ihn näher kommen.

Als der Passant ihn ansprach, bemerkte Brian M., dass seine Zähne nicht recht erfreulich waren. Doch wurde seine Aufmerksamkeit sofort auf die Hände des Mannes gelenkt. Voller Entsetzen sah er, wie der Unbekannte eine verletzte Taube in den an seine Brust gedrückten Händen wog. Das Tier sah sterbend, besiegt aus. Doch befürchtete Brian M., es könne jederzeit auf ihn springen, zufliegen, und seine krankhafte Erscheinung versichterte ihm, eine solche Begegnung wäre aus gesundheitlichen ebenso wie aus kleidungstechnischen Gründen eher zu vermeiden. So schnell, so höflich wie möglich entschuldigte sich der jungen Brian M. bei dem Passanten und machte geschwind weiter.

*

Montag, 14. April 2008


Liebe Einwohner des Hauses 14b,

Am gestrigen Sonntag wurde ich gegen 09:30 im obersten Stockwerk des Treppenhauses von einem Eindringling überrumpelt. Der männliche Unerwünschte sprach mich an, war allerdings so berauscht, dass ich nichts verstand und mir seine Aussage sogar dreimal musste wiederholen lassen. Ich stellte fest, dass sie folgendermaßen lautete: „Ich komme aus Krefeld“.

Auf meine weiteren Fragen bezüglich seiner Person und seines Anliegen im Hause wusste er keine verständliche Auskunft zu erteilen. Nur bat er mich immer wieder um Zigaretten. Als er mitbekam, dass diese für ihn nicht vorhanden sein würden, entschied er sich für ein Glas Wasser anstatt. Unter der Befürchtung, dass er wohl krank war, erledigte ich sofort seine Bitte.

Am nämlichen, zur Verfügung gestellten Glas Wasser hatte der Gute aber kaum genippt, als er mich wegen eines weiteren Anliegens ansprach. Und zwar wollte er Drogen von mir haben. Auf die Mitteilung, dass ich über keinerlei Drogen verfüge, antwortete er mit eindringlichen Wiederholungen seine Bitte.

Ich musste ihn aufs Schärfste anreden und ihm die Tür vor der Nase zuschließen, um ihn deutlich zu machen, dass er sich hier ungelegen aufhielt. Hinzuzufügen an dieser Stelle wäre, dass ich während dieser ganzen Ereignisse halbnackt war, da ich beabsichtigt hatte, mich der sich gegenüber unserer Tür befindenden Dusche zu bedienen.

Ferner sollte hier auch aufgeführt werden, dass sich dieses Erlebnis für mich als eher lustig gestaltete, da ich – männlich, 1,80 groß, ziemlich kräftig gebaut – keinerlei Furcht empfand. Nur würde ich betonen, dass nicht alle Einwohner dieses Hauses physisch in der Lage wären, an meiner Stelle in denselben Umständen so selbstbewusst aufzutreten. Ich möchte auch hervorheben, dass nicht alle künftige Eindringlinge so dermaßen geistig umnachtet sein werden, dass sie keinerlei Gefahr darstellen.

Aus diesem Grund möchte ich abschließend alle Einwohner dringendst bitten, DIE HAUPTEINGANGSTÜR UNTEN IMMER - OHNE AUSNAHME – GANZ FEST ZU SCHLIEßEN, VERDAMMT NOCHMAL!

Mit freundlichen Grüßen,

Brian Melican

Thursday, 3 April 2008

Wörter mit Migrationshintergrund - Ergänzung

Hier ein Kommentar von einem Geschäftsfreund von mir, ein erfolgreicher Unternehmer aus Hessen:


Ich habe vor ein paar Tagen zur Entspannung in einem deiner Blogs einen Artikel über den Begriff Ausländer und Ausländerpolitik in DE gelesen und danach ist mir folgendes aufgefallen:
Wenn Deutsche das Wort Ausländer benutzen oder negativ gegen Menschen aus anderen Ländern eingestellt sind, meinen sie tatsächlich zu 98% Türken, Afrikaner, Araber, Ostblock, etc, auch egal ob sie mittlerweile einen deutschen Pass haben.

Ich habe noch nie gehört, dass ein Engländer, Schweizer oder Italiener mit diesem Begriff bezeichnet wurde. Da sagt man Engländer, Schweizer oder Italiener. Insofern hast du Recht, der Begriff "Ausländer" steht in DE für den ungeliebten Fremden, der potenziell die ohnehin leeren Sozialkassen ausrauben will. Während die Menschen aus den alten EU-Nachbarstaaten scheinbar keine Ausländer sind.


"Ist das in England auch so?", fragte er zum Schluss.


Meine Antwort war folgende:


Bei uns in England ist das mit den Wörtern so: das Wort "immigrant" (Einwanderer), zum Beispiel, könnte man zwar theoretisch auch für die jetzt zahlreichen Einwanderer aus Frankreich und Deutschland einsetzen, tut es aber in Wirklichkeit nicht. Es bleibt ein Begriff, der Migranten aus der dritten Welt vorbehalten ist.

Die direkte Übersetzung von „Ausländer“ ist ja wie du weißt "foreigner". Das Wort steht aber bei uns nicht sehr hoch im Kurs. Viele empfinden den Begriff als herablassend. Er duftet irgendwie nach den 30er Jahren und der Blütezeit des Kolonialismus... Daher ist man auf Umredungen angewiesen so wie "people from abroad", "people from Europe", usw.

Was ich gar nicht schlecht finde. Zumal das Wort "Ausländer" auch für viele andere für mangelnde Integration steht, so wie in der Fortsetzung meines früheren FTD-Blog hier zu lesen ist.

Wednesday, 19 March 2008

Wörter mit Migrationshintergrund

In letzter Zeit habe ich mich viel mit dem Thema Ausländer in Deutschland auseinandersetzen müssen. Einerseits bin ich ja nämlich einer.,Andererseits ist das ein Thema, womit sich die Medien zur Zeit sehr beschäftigen. Zusätzlich bin ich auch noch ein einigermaßen gelernter Sprachwissenschaftler und schreibe viel über Sprache und Wörter.

Und wer sich mit der deutschen Sprache und der Art und Weise, auf die sich die Deutschen darüber unterhalten, dazu recherchieren und dann schreiben, muß schon konstatieren, dass die Sprachkultur hier den Umgang mit Ausländern widerspiegelt.

Wie denn?

Das Wort „Ausländer“ reicht schon aus: Analog in der Sprachforschung und im Duden ist der Begriff „Fremdwort“. Beide haben eins gemeinsam: sie sind Fehlbezeichnungen.

Denn eine Debatte über die „Integration von Ausländern“ ist von der Grundlage her keine wirkliche Debatte. Als ich als ausländischer Journalist zum ersten Mal auf den Begriff „Ausländerpolitik“ stieß, dachte ich, es würde sich ums Ausland handeln. Ein Kollege musste mir mühsam erklären, dass die eigentliche Auslandspolitik vom Auswärtigen Amt betrieben wurde, und dass es kein Fehler war, über deutsche Minderheiten mit dem Begriff „Ausländer“ zu sprechen.

Ich, Trottel, der die Wörter halt im wörtlichen Sinn versteht, oder zu verstehen versucht, erklärte dem Kollegen, warum das ein Fehler war: „Das sind aber Leute, die meistens einen deutschen Pass haben, und die teilweise hier geboren wurden. Wie sind das denn bitte Ausländer?“

Recht hatte ich und Recht behielt ich. Allerdings mit der Einschränkung, dass, wenn 90% unserer Leser mit dem Begriff „Ausländer“ auf „Deutsche mit Migrationshintergrund“ hinweisen, ist das sprachlich gesehen kein Fehler. Ein logischer, etymologischer und anthropologischer Fehler schon, aber kein sprachlicher. Es ist so wie, wenn sich plötzlich alle entscheiden würden, mit dem Wort „Katze“ über große, graue, aus Afrika und Indien stammenden Saugtiere mit Rüsseln und überdimensionelle Ohren zu sprechen. Solange alle mitmachen, ist es nicht falsch.

Ich aber finde das falsch. Zum Glück tut das auch manch ein anderer. Die Wörter „Deutschtürke“ und „Migrationshintergrund“ haben sich schon einigermaßen im öffentlichen Diskurs durchgesetzt. Zum Beispiel.

Doch besteht in der Bevölkerung immer noch Aufklärungsbedarf. Der unreflektierte Einsatz des Wortes „Ausländer“, wenn man von anderen Deutschen spricht, ist schon dem Rassismus gleich, denn man geht zwangsläufig davon aus, dass nur blonde, blauäugige, seit Generationen in Deutschland wohnende Stämme „wirkliche“ Deutsche sein können. Ich brauche ja hier nicht weiter ins Detail zu gehen. Man weiß nämlich schon, wohin der Blutgedanke - diese äußerste Torheit - führt. Das Wort „Ausländer“ muss daher wieder für Leute wie mich vorbehalten sein, und darf nicht mehr für Menschen, mit deutschem Pass und besseren Deutschkenntnissen als die meinigen eingesetzt werden.

Von wegen Deutschkenntniss muss man aber auch hier um einiges aufklären. Nicht nur die Bevölkerung hat die Interaktion von Deutschtum, Staatsbürgerschaft, und Sprache falsch im Kopf, sondern auch der Duden. Tja! Ausgerechnet Duden.

Denn mit dem Nachschlagwerk „Fremdwörter“ geht der Duden ja davon aus, dass Wörter nie deutsch werden können, dass es einen Stammbaum ‚urdeutscher’ Wörter gibt, wovon alle ‚deutschen’ Wörter abgeleitet werden. Quereinsteiger (und allein das Wort beglaubigt, wie sich die deutsche Bildsprache gerne Ideen von Stämmen, Erbschaft, von konsequentem linearen Wachstum bedient) können sich zwar einbürgern lassen. Deutsche Wörter werden sie nie.

Egal wie wichtig, wie beliebt, wie unentbehrlich sie werden in ihrer neuen Sprache, bleiben diese Wörter ‚fremd’. „Fremdwörter“ sind die Analogien zu „Ausländern“: Auch Wörter, die seit Generationen im deutschsprachigen Raum im Einsatz sind, und deren Abkömmlinge, können nicht deutsch sein; Auch die Kinder von Einwanderern, die hier geboren und aufgewachsen sind, sind Ausländer.

Deutschland kommt aber nicht mehr ohne diese „Ausländer“ klar – wer würde ansonsten Taxi fahren und Kioske betreiben? Die deutsche Sprache kommt ja auch seit langem nicht mehr ohne „Fremdwörter“ klar. Sprich: das Ausländische, das Fremde ist zum unabdingbaren Bestandteil des Deutschtums geworden. Es ist also deutsch geworden.

Das sollte man zu schätzen und zu ehren wissen. Ein guter Anfang ist, nicht mehr von Ausländern zu sprechen, wenn von Deutschen mit Migrationshintergrund die Rede ist.Und nicht mehr von Fremdwörtern zu sprechen, wenn deutsche Wörter mit Migrationshintergrund gemeint sind.

Wednesday, 6 February 2008

Was kann Deutschland Ausländern anbieten?

Heute war ich zu einem höchst interessanten Gespräch an der Universität Dortmund eingeladen. Das Thema: Mediale Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland, Kanada, und den USA. Als Englisch-Muttersprachler, der in das Mediengeschäft in Deutschland will, war ich sehr gespannt auf das, was zu besprechen war. Und das Treffen erwies sich in der Tat als sehr interessant.

Natürlich war meistens von türkischen Gemeinden die Rede: wieso sie sich nicht in den Medien wiederfinden können; wieso sie nur mit wenigen Ausnahmen keinen Kontakt zu den Deutschen Print-Medien suchen; wie diese Situation zu verbessern sei. Trotz vieler Gesprächsrichtungen und -abzweigungen, trotz vieler aufschlussreicher Umwege, war der Punkt im Wesentlichen ziemlich simpel: Die deutschen Medienwesen müssen dringend Repräsentanz anstreben. Das heißt, wenn 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, müssen die Medien ihre Stellen zu 20 Prozent mit Personen mit Migrationshintergrund besetzen. Dabei würde man aller Art unbequemer Pädagogik oder sprachliche Hemmung bezüglich inneländischer Minderheiten in Zeitungen umgehen können.

Und all das werde ich in den nächsten Tagen dienstlich verarbeiten. Nach der offiziellen Debatte hat sich das Gespräch allerdings darüber hinaus weiterentwickelt. Thema hier war, wie man Minderheiten nicht nur in den Medien, sondern überhaupt integriert. Natürlich war uns vom Gesprächsanpfiff an das Beispiel Amerika sehr nah. Wir haben die USA als Einwanderungsstaat konzipiert. Während Großbritannien und Deutschland sich eher auf Migration umstellen haben müssen, ist die USA vom Anfang an von Einwanderung anhängig gewesen. Natürlich beschimpft man zwar immer die neueste Einwanderungs-Welle, aber letztendlich wird sie doch aufgenommen und dann sind sie die Amerikaner, welche die darauffolgende Welle bei Ankunft beschimpfen.

Wieso vermögen die USA immer wieder Einwanderer aufzuheben, und dann zu „guten“ Amerikanern zu machen? Wieso gelingt diese Aufgabe der USA, während die Deutschen - und, tja, die Engländer teilweise - sich damit so schwer tun? Könnte es daran liegen, dass die USA immer wieder ihre Einwanderer vom American Dream begeistert? Denn viele Immigranten sind stolz, also so richtig stolz darauf, Amerikaner zu sein. Viele arbeiten sich natürlich dort hoch, aber zudem sind auch manche, welche die 'rags to riches' Geschichte nicht erleben, trotzdem auf ihre neue Staatsbürgerschaft sehr stolz.

Deutschland bietet hingegen ein sichereres Sozialsystem, für diejenigen. Einwanderer, die nicht so schnell vorankommen, und viel mehr Hilfe in der Schule und am Arbeitsmarkt. Im Vergleich zu Amerika hat man auch hier dieselbe demokratische 'Freiheit', die vermeintlich immer der Treibmotor der USA gewesen sei. Deutschland mag ja nicht so groß und glänzend sein wie Amerika, das Land hat trotzdem einiges zu bieten.

Aber man kann eben nicht darauf stolz sein, Deutscher zu sein. Patriotismus ist in Amerika hingegen allzu legitim. Bei uns - d.h. in Deutschland sowohl als auch in Großbritannien - hat sich der Patriotismus aus Gründen der Unbequemlichkeit der Geschichte tabuisiert. Die Deutschen tragen immer noch die Verantwortung für den Holocaust. Die britische Geschichte ist ja auch keine flecklose. Die Schotten, die Waliser, die Iren: sie alle sind von den Engländern unterdrückt worden, und darauf basieren ihre Identitäten. Der Engländer, der Brite... naja. Wie war das mit seiner Identität eigentlich nochmal?

Sollten die Deutschen und die Engländer denn vielleicht ein Tick stolzer sein, um Einwanderer wirklich ans Land festzubinden und sie davon zu begeistern? Fangen wir mal folgender-, bescheidenermaßen an: "Leute! Es ist nicht so schlimm hier! Man kann ja wählen, Geld verdienen, und sich fast mühelos mit allem Notwendigen versorgen. Das Gesetz ist hier einigermaßen ordentlich. Ja. Es ist gut hier. So gut, dass wir nicht allzu viel darüber reden möchten, falls wir diese geschichtliche Ausnahme von Frieden und Demokratie irgendwie dadurch verhexen. Immer wieder aufs Holz klopfen."

"Nicht so schlimm"? "Gut"? "Einigermaßen"?So begeistert man ja keinen Mensch. Ist auch gut so. Begeisterung für das eigene Land und Sitten kann nämlich gefährlich sein, wie England/Großbritannien, Deutschland, und jetzt sogar die USA immer wieder beweisen.

Saturday, 2 February 2008

Seniorenkriminalität

Jetzt ist das alles mit der Wahlkampagne in Hessen vorbei. Und erfreulicherweise hat Ypsilanti gewonnen bzw. hat Koch verloren. Deutschland ist nicht nach Rechts gerutscht, sondern hat sich wieder nach Links gerichtet. Schön, dass sich die Leute nicht haben verblöden lassen, und Koch's 'Jugend'-Kriminalitätkampagne durchgeschaut haben. 'Jugend' bei Koch bedeutet nämlich nicht mehr junge Leute, sondern Leute, die nicht über einen deutschen Namen verfügen: Und diesen Populärismus hat man hier enttarnt und bestraft.

Allerdings haben manche Deutsche Wähler immer noch eine Schwäche für ausländerfeindliche Politik. Es gibt viele, welche die Statistiken und die Fakten einfach nicht glauben können (wollen?). Nein, sie glauben eher, dass Deutschland sich irgendwie in Los Angeles verwandelt hat; dass sie sofort niedergestochen werden, sobald sie das Haus verlassen; dass junge Randalierer schuld daran sind.

Diesen Leuten wird aber immer wieder von den Bundesstatistikern widersprochen. Und sogar die Einzelfälle, die Jugend- und Ausländerfeindlichkeit auslösen (etwa der Münchener-U-Bahn-Fall) sind oft missinterpretiert. Beispiel: Essen letzte Woche, wo eine Frau von einem 'jungen Mann' niedergestochen wurde. Später erwies sich, dass der 'junge' Man Mitte 30er war - und psychisch krank dazu.

Naja, wir haben alle unseren der Grundlage entbehrende Glauben. Senioren und Frauen fühlen sich von einem 180-großen Mann wie ich mit einer Mütze und ein bösen Gesichtsausdruck manchmal bedroht. Es schaudert sie nachts durch die Straßen zu gehen.

Und bei mir hat sich inzwischen eine tiefe Widrigkeit zu arroganten alten Leuten eingebürgert. Leute, die glauben, sie haben zu allem Vorrecht, weil sie sich halt 50 Jahre länger als ich rumgetrieben haben.

Nun sind nicht alle Alten so. Viele verstehen noch, wie schwierig es sein kann in meinem Alter, wenn man versucht, Wurzeln zu schlagen, eine Karriere einzugehen, sich selbst kennen zu lernen. Viele machen sehr gerne Platz für den Nachwuchs.

Aber viele halt nicht. Wie heute im Schwimmbad, zum Beispiel. Zwar sollte sich das Bad um 8:00 öffnen. Wir waren aber 6 oder 7, die in der Eingangshalle standen und warteten. Naja, nicht wirklich ‚warteten’. Denn um 7:50 oder so, da fingen die Alten an, sich zu beklagen. Wieso konnte das nur so lange dauern? Was machte denn das Personal?

Dann ging es richtig schnell. "Ey, Leute, wo seid ihr? Habt ihr euch zu lange beim Kaffee verweilt?" Zwei Seniorinnen fingen dann an so rumzuschreien, dass sich das Personal quasi gezwungen fühlte, das Bad zu öffnen. Sie versuchten höflicherweise sich für den 'späten' Anfang zu entschuldigen: sie hätten eine Schwimmveranstaltung am Vormittag, wären aber nur 3 statt 4.

Das wollten die alten Damen nicht hören, und waren so schnell verschwunden, dass ich mich gefragt habe, ob dass alles nur Halluzinationen waren wegen des Schnees und der frühen Uhrzeit.

Beim Schwimmen muss ich auch wieder rumgesponnen haben, denn ich glaubte zu sehen, wie ein alter Mann in meine Bahn reingeknallt ist, als ich da noch zu schwimmen versuchte. Später hat er mich so angestarrt, als ob ich ihm in den Weg gestanden bzw. gepaddelt hatte. Ja, muss halt wieder halluziniert haben. So was macht man doch nicht.

Tja. Traum oder nicht, da sage ich eins: Hätte ich mich so in Hessen benommen, so hätte ich wohl sofort eine Anzeige wegen Jungendkriminalität vom Herrn Koch selber bekommen. Bin schließlich nicht nur 'jung', sondern auch auslandstämmig dazu...

Friday, 18 January 2008

Scheissregeln-Scheisshumour

Stereotypen sind in der Tat oft auf eine tatsächliche Begründung zurückzuführen.

Woher ich das weiß? Naja, ich habe in Frankreich gewohnt, und die Franzosen kommen tatächlich spät zu jeder Verabredung, rauchen in viel höherem Maß als andere Nationen, und küssen alles, was bewegt.

Und ich habe auch in Deutschland gewohnt. Wobei ich da habe feststellen müssen, das so mancher britischer Stereoptyp zu den Deutschen gar nicht stimmt (diese Stereotype brauche ich ja gar nicht aufzuführen).

Allerdings steht folgender Stereotyp auf jeden Fall fest: die Deutsche Humour ist... äh... esoterisch.

Nun lacht man in Deutschland oft genug an genau der Stelle, wo ein Engländer auch lachen würde: Ironie, Karikatur, die grenzlose Dummheit der Mensch. Alles finden Engländer, Deutsche, Franzose - eigentlich so ziemlich alle Menschen - scheißlustig. Aber die Deutsche lachen ja auch, wo der Engländer zurückscheuen, ja sogar kotzen würde.

Der Tod findet man lustig hier, zum Beispiel.





Und das Klo findet man sauwitzig. Beziehungsweise alles was sich darin befindet: Pisse, Scheiße, verlorene Trauringe. Überall redet man (nicht nur) Scheiße: bei Verabredungen mit Freunden, am Tisch mit Kollegen, zu Hause mit der Familie - nach Belieben auch bei Tisch.

Dabei sagt man nicht nur 'Scheiße' - da habe ich nichts gegen - sondern spricht ausführlichst davon. Und vom Klo, und was da zu machen ist. Und wie man das zu reinigen hat nachher. Und was passieren kann, wenn dies nicht der Fall sein sollte (höre ich noch einmal "Frauen können sich nämlich so was leicht einfangen", so kotze ich sofort: seid gewarnt!). Man will sogar, dass ich im Pinkeln sitze. Wie bitte?

Naja, ich merke schon, dass ich jetzt in Deutschland halt in der Minorität bin in dieser Hinsicht, und muß mich einfach so langsam darauf einstellen (man betone hier allerdings 'langsam').

Da, wo ich mich aber am Klo hierzulande setzen muss, kann ich zumindest schön die 'Scheissregeln' lesen, die dort an der Wand hängen.

Für die, die es noch nicht wissen: Das ist so ein Poster mit 'Regeln' rund ums Klo. So nach dem Motto: "Aus Speise und Getrank wird Scheiß und Gestank", "Deine Hinterlassenschaften interessieren kein Sau!" ('Hinterlassenschaften?!' An dieser Stelle sollte man sich nicht so zieren und einfach 'Scheiss' sagen. So weit ist es nämlich schon), "In diesem Klo wohnt ein Geist der jedem, der zu lange scheisst, von untem in den Eier beisst..." Ja, so nach dem Motto, halt.

Bevor ihr euch darüber wundert: das Poster ist doch professionell entworfen und erzeugt. Nicht von meinen Mitbewohnern irgendwie nach dem Saufen zusammengebastelt. Was wiederum heißt, mehrere Tausend, wohl Millionen Stück haben sich da draußen in Deutschland breit gemacht. Vielleicht sogar ferner.

Oder doch nicht ferner. Wohl nicht über die Grenzen von Deutschland hinaus. Denn, wenn ich mir das wieder überlege, der Inhalt des Posters ist fast unübersetzbar, zumindest im theoretischen Sinne. Das heißt, ich könnte die Wörter auf Englisch zwar übersetzen (wie wäre es denn mit "Food and drink turn into shit and stink" oder "No-one is interested in what you did in there"?), die hätten einen ganz anderen Klang. Auf Deutsch hören sich diese 'Scheissregeln' nämlich lustig, witzig - wenn auch geschmacklos - an. Auf Englisch sind die einfach nur Schei... ähm, geschmacklos.

Fazit: der Endeffekt... oder, das... Resultat...

Nee. Ganz anders. Fazit: so ein Text auf Englisch hätte ein Effekt, das zu weit wäre vom Originellen, egal wie man den übersetzen würde. Weil: in England interessieren 'Hinterlassenschaften' jeglicher Art ja wirklich keinen (oder „keinen Arsch“).

Sunday, 13 January 2008

Warum ich ehrlich gesagt nicht eines Sonntags hätte ankommen sollen...

Wenn man in London aufgewachsen ist und gewohnt hat, vergisst man ja, welche Bedeutung der Sonntag in der Woche hat. Er ist nämlich ein Ruhetag, oder sollte zumindest einer sein.

Wirklich vergessen, dass in Deutschland sonntags nichts geöffnet hat, hatte ich zwar nicht. Allerdings hatte ich meine Reisepläne nicht wirklich aus dieser Sicht entworfen, und habe diesen riskanten Schritt heute teuer bezahlt.

Oder gar nicht bezahlt. Ich brauchte nämlich Bettdecken für mein Zimmer: ich habe es halt zu Zwischenmiete, und wollte kein Schlafsack oder Decken mitschleppen, wenn es die geringste Möglichkeit gab, dass dieser Schritt unnötig war. Natürlich war das aber etwas risky, und heute Nachmittag wurde es klar, dass ich aufs falsche Pferd gesetzt hatte. Ich wollte dann irgendwo Bettdecken kaufen, habe einen €50-Schein in die Hand genommen, und habe wie verzweifelt versucht, den auszugeben.

Aber da konnte ich wie gesagt fast nichts bezahlen, auch nicht einmal meinen hohen Einsatz bei diesem Bettdecken-Poker. Ich habe lediglich €5,50 ausgeben können, um mir ein Fischbrötchen zum Abendessen zu holen, und dass nur am Hauptbahnhof.

Aber so schlimm war das doch nicht. Ein netter Mitbewohner hat mir schon seinen Schlafsack verliehen, welche Akt der Generosität er amsonsten gar nicht hätte unternehmen können: Deutschland, wo die Unbequemlichkeiten in Gemütlichkeit resultieren.