"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 24 August 2009

Deutsche Organisation

"Ja, wir waren in so einem Burger-Restaurant mit All-you-can-eat."

"Ach so, und wie war's denn?"

"Naja, ging so. Super-leckere Burger, aber hätten wir halt besser durchorganisieren sollen. (...) Brian, was lachst du so?"

"Nur... nur in Deutschland... Burger-all-you-can-eat und das Verb 'durchorganisieren' in einem Satz. 'Tschuldigung."

Thursday, 20 August 2009

Lost im Wahlkampf

Jetzt geht es in die heiße Phase: Wahlkampf ist angesagt!

Über den "Wahlkampf" ist seit Monaten in den Zeitungen geschrieben, im Radio gesprochen und im Bekanntenkreis sich überhaupt nicht aufgeregt worden. Ich sitze als Nichtwahlberechtigte schon mit Popkorn am Start und Füße auf dem Sessel vor mir im Kinosaal - und der Film fängt nicht an.

Monatelang hieß es von der SPD sowie von der CDU: "Wir befinden uns noch nicht im Wahlkampf", was meines Erachtens als Brite, dessen Land zum letzten Mal im Zweiten Weltkrieg eine Koalition erlebt hat, soviel hieß wie: "Wir dürfen uns noch nicht gegeseitig anmotzen".

Jetzt heißt es: "Der Wahlkampf hat begonnen", und somit "Angela Merkel hat noch 40 Tage, einen überzeugenden Plan für Deutschland vorzulegen" oder "Frank Walter Steinmeier hat nur noch 40 Tage an der Spitze der SPD".

"Wahlkampf" heißt aber viel mehr als sich gegenseitig etwas lahme Vorwürfen machen. Wir befinden uns ja schließlich im Vergnügungsland Deutschland. Und was für ein nationales Ereignis wäre der deutsche Wahlkampf denn, wenn es sich nicht irgendwie um Bier handeln würde.




Übrigens fand diese Wahlkampf-Veranstaltung auf dem Hamburger Dom, auf einer Kirmes also, statt. Deutscher geht das kaum. Naja, vielleicht auf einem Schützenfest oder in einem schönem Allwetter- oder eben Freibad mit Currywürste zur Stärkung, aber egal.

Und ebenfalls geht es in der Politik kaum deutscher als Franz Münterfering, wie ich finde. All die schönen sozialdemokratischen Stichwörter, deren englische Äquivalente sich die Labour Party in Großbritannien seit Jahren hat verkneifen müssen, kommen bei ihm vor: "Arbeit", "Industrie", "Anspruch", "Leistung", "Sozialstaat". In diesem Clip, zum Beispiel, sagt er, es gehe darum, "industrielle Arbeitsplätze" beizubehalten. Das kann man sich in Großbritannien überhaupt nicht leisten: Industrie ist schmutzig, altmodisch und kommunistisch. Es muss auch durch die angeblichen Linken dort die bescheuerte Vorstellung bedient werden, alle können zu Managern aufsteigen, wenn es nur wollen.

Aber hierzulande kann man sich als Linksstehender noch so richtig austoben.

Ja, Wahlkampf in Deutschland macht halt richtig Spaß. Vor allem für den Wähler. Als Wahlberechtigter bekomme ich von einer Volkspartei versprochen, dass sich der Vater-Staat um mich kümmert und mir einen Arbeitsplatz schafft - und bekomme noch ein gratis Bier dazu, bitte, wenn ich diesen kleinen Zettel bei der Kellnerin einlöse.

So hat man seit Jahrzehnten nicht mehr Politik gemacht in meinem Geburtsland. Die Briten sind da zu ironisch und misstrauisch: "Was? Freibier UND Arbeit UND die Rettung des Sozialstaates? Ob ich das wohl glaube..." Der Brite findet das alles too much. Er glaubt grundsätzlich, dass sich die Dinger verschlechtern. Einer, der im verspricht, es geht besser, ist schon suspekt. Und wenn er dann mit Freibier kommt, riecht er Lunte, kommt sich wie verarscht vor: "So billig kriegste meine Stimme nicht". Im deutschen Wahlkampf scheint das alles irgendwie noch zu gehen.

Wobei es überhaupt nicht so ist, als ob die Deutschen blauäugig und unreflektiert sich darauf einlassen. Die wissen alle schon, was Sache ist. Selbst Münte gibt es in einem anderen Part seiner Rede, die wir nicht aufnehmen konnten, zu: "Wir wollen Politik bringen, nicht nur euch abfüllen wie die CSU auf dem Oktoberfest."

Sagt er im Bayernzelt auf dem Hamburger Dom und lacht, während die Kellnerininnen in Dirndln noch eine Runde verabreichen.

Na also, die deutsche Öffentlichkeit ist doch ironisch-modern geworden. Es ist nicht mehr wie in 50er Jahren, als man den Arbeitern einfach Bier schenkten, bis sie en masse für einen ihre Stimme abegegeben haben. Man schenkt Bier, will die Stimme abkaufen, aber alle wissen Bescheid und man kann ja drüber lachen.

Jedoch gibt es bei Münte immer noch einen Hauch von einem vergangenen Zeitalter: Er wird regelrecht verehrt, bedingungslos, unironisch verehrt - sein Name wird skandiert. Er gehört noch zu diesem Schlag, der Politik machte "für den kleinen Mann", ist des "Arbeiters" bester Freund, kommt aus einer früheren Ära der Sozaildemokratie.

Und der wird immer noch von Menschen im meinem Alter hochgejubelt. Kann also noch funktionieren, die alte Paarung von Alpha-Tierchen und Bier. Vielleicht sollte er es mal mit der klugen Ironie lassen - obgleich ich die sehr schätze - und die Menschen doch einfach abfüllen wie die CSU. Schaden kann es nicht.

Und zumindest macht der Wahlkampf dann allen Spaß.

Danke an Kirian Scheuplein, Hamburgs beste Kamerafrau, für die freundliche Unterstützung.

Tuesday, 18 August 2009

Der Steuerberater

Die Wörter "der Steuerberater" haben schon eine eigene Kraft, irgendwie. Sie hören sich anders an als "der Busfahrer" oder "der Schullehrer", zum Beispiel. Menschen sagen "mein Steuerberater..." und verziehen dabei so ein bisschen das Gesicht. Oder sagen - und dies gilt oft aber nicht ausschließlich für Frauen - "mein Steuerberater..." in so einem Ton, dass es eher wie "mein Held..." daherkommt.

Kein Wunder, eigentlich. Denn der Steuerberater weiß so manches über einen, was selbst die Freunde oder die Geliebten nicht wissen. Beispielsweise: Wieviel man so richtig auf den Punkt genau verdient hat. Oder ob etwa der Auftrag, von dem man so gerne angegeben hat, der sei so wertvoll, überhaupt entlohnt wurde. Oder ob man seine Spesenzettel schön ordentlich zusammenheftet, wie es sich eben gehör; oder ob man vielmehr Ende April in voller Panik mit dem ganzen Krams in einer Supermarkt-Tüte zu ihm ins Büro läuft, klingelt, die Tüte stehen lässt und erstmal paar Wochen abtaucht.

Kurz gesagt: Für einen selbständigen, freiberuflichen Single mitte Zwanzig so wie ich, gibt es wohl sonst keinen, der so viel über einen weiß. Der Steuerberater spielt in der Liga mit Mutter, Mitbewohner und Putzfrau - und gewinnt locker.

Wohl darum habe ich so lange gewartet, bis ich einen engagiert habe. Ich bin eben eher der Einzelgänger und habe - trotz meiner Tätigkeit im Web 2.0 und der ständigen dortigen Verarbeitung meines Alltags - gerne meine Geheimnisse.

Doch wurde ich angesprochen (eher angeXingt) von einem netten Steuerberater hier im Viertel, der sich sehr viel mit der Besteuerung von Künstlern auseinandergesetzt hat und der einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck macht.

Noch maßgeblicher in seiner Akquise bei mir durfte allerdings gewesen sein: sein Berufstolz. Auch er weiß, was für einen Klang das Wort "Steuerberater" hat. Besonders wirkungsvoll bei mir war folgender Spruch: "Ich komme aus einer steuerberatenden Familie".

Ich sehe es vorm inneren Aug'. Ein Kunde, ein - nennen wir ihn mal so - Herr Meyer kommt bei dem Vater (einem Steuerberater mit langjähriger Erfahrung) an und will sich beraten lassen. Im Büro sitzt der Alte mit Frau, zwei Kindern, Oma, Opa und der Katze. Die Kinder spielen am Boden mit einer Rechentafel und dem deutschen Finanzgesetzbuch. Die Oma strickt - einen Pulli mit "Vermerk: als Kleinunternehmer nach §19UStG von Umsatzsteuer befreit" auf der Brust geschrieben. Die Katze sonnt sich am Fensterbank und guckt gelegentlich so, als ob sie kurz noch paar Berechnungen im Kopf vornehmen würde.

"Ach so, bin ich zu früh für den Termin? Ich kann gerne kurz draußen warten."

"Nein, überhaupt nicht nötig. Wir sind nämlich eine steuerberatenden Familie. So, wer möchte loslegen? Na, Kinder, ihr habt euch die Akten angeschaut. Was würdet ihr dem Herrn Meyer denn raten?"

Wednesday, 12 August 2009

Unlernen

Wenn wir, die wir Sprachen studiert haben an der Uni, uns mal zusammentun, regen wir uns immer wieder darüber auf, dass so manches, was wir damals beigebracht bekommen haben, eigentlich nicht stimmt. Oder noch schlimmer: Das es eigentlich doch stimmt, aber das es eh nicht so gesagt wird. Oder noch schlimmer als selbst dies: Das das so stimmt, aber das der Einfluss des Englischen das wieder geändert hat.

Beispiel: Englischsprachige sagen gerne "Have a nice day" (okay, also eher die amerikanische Fraktion) oder "Have a nice time". Damit wollen wir auf Deutsch übersetzt sagen: "Ich wünsche dir einen schönen Tag" oder "ich wünsche dir viel Spaß". Die Imperativ-Form in dem Kontext ist im deutschen eher ungebräuchlich.

Denkste. Lernste auch so.

Dann sacht dir einer "Hab' 'nen netten Tag" oder "Hab' viel Spaß" und da drehste durch. Man tut sich jahrelang schwer, schön idiomatisches Deutsch wie ein Deutscher reden zu können - und hat jede Menge Spaß dran - und deine Mitsprechende aus beiden Sprachen machen's dir kaputt. Sehr geil.

Womit sich als Engländer sonst noch schwertut, ist das deutsche "S". Für uns immer /s/, für euch mal /z/ und mal /sch/ - also der Unterschied zwischen "sein" und "Stein". Aber nach jahrelanger Praxis geht es rein und ist dann noch gefestigt.

Und dann kommste nach Norddeutschland und hörst nicht mehr "Stein" sondern "Sstein". Naja, könnte man sogar als "ßtein" schriftlich wiedergeben. Das norddeutsche Spitzeness, eben. Nicht mehr Steinstraße sondern "ßsteinßtraße", nicht mehr Sternschanze sondern "ßternschanze". Stade heißt übrigens "ßtade" und wer dorthin eine Radtour von Hamburch aus durchs schöne Alte Land unternimmt und dann anschließend in der ßtadt sich Kaffee und Kuchen zur Stärkung genehmigen will, der isst Käsekuchen mit "ßmand" gemacht.

Tja, das Plattdeutsch liegt halt näher am Englischen daran als sein hochdeutscher Vetter.

Hätte mir man aber zumindest sagen können, als ich damals über die S-Läute immer wieder geßtolpert bin. Aber manches kriegt man eben erst vor Ort beigepult; auch darüber sind wir aus der sprachwissenschaftlichen Richtung immer wieder einig.

Tuesday, 4 August 2009

Mann zu, mann zu, lass auf'n Dom!

Hier in Hamburg ist Sommer-Dom.

Nein, das heißt nicht, dass man eine Kirche irgendwo zum Sommer errichtet. Denn das heißt wiederum MoGo - oder Motorrad-Gottesdienst. Nein, es geht um eine Kirmes, ein Volksfest, das größte im Norden, das dreimal im Jahr am Heiligengeistfeld stattfindet.

Und ich bin immer wieder für so einen Spaß zu haben. Fahrgeschäfte aller Art - solange sie mit Nervenkitzel versehen sind - und fast (fast) zu jedem Preis. In England bin ich teilweise ganze Tage aufs Land gefahren, um für so einen Vergnügungspark 50 € locker zu machen und den ganzen Tag im Regen in der Schlange zu stehen.

Denn so eine Kirmes in der Stadt gibt es nirgendwo in England. Was ich am Hamburger Dom, am Düsseldorfer Rheinkirmes, am Münsteraner Sent so schätze, ist diese Nähe zur Stadtmitte. Man geht eben hin, fährt paarmal, trinken ein schönes Bierchen und geht dann wieder nach Hause. Kein Großprojekt, das geplant werden will. Eben nur Fahrvergnügen und Bier auf die Schnelle.

Deutschland ist g e i l .

Und da muss jetzt eine Video-Folge von Lost in Deutschland zu dem Thema her. Denn es kostet eigentlich doch ziemlich viel, so ein kurzer Ausflug auf die Kirmes, und ich möchte das gerne mal als Journalist umsonst machen.

Außerdem ist es ein wirklicher kultureller Unterschied, über den man bei Lost in Deutschland halt eben berichten muss.

Muss.