"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 30 November 2009

Germany and the Germans

Letzte Woche im UK-Urlaub stieß ich in einem Oxforder Second-Hand-Laden auf ein großes, knalliges rotes Buch namens Germany and the Germans: An Anatomy of Society Today von einem britischen Autor John Ardagh. Spannend dabei: Das Buch wurde 1987 gedruckt.

Das heißt, vor mir lag eine Art intellektuelle Zeitkapsel: So kam Deutschland einem Briten vor 20 Jahren vor. Vor Mauerfall, vor Kosovo und Afgahnistan, vor Deutschland sucht den Superstar und der Europa-weite Herrschaft von Lidl und Aldi. Dem Klappentext nach zu beurteilen hatte der Typ wie ich in Oxford studiert und war auch Journalist gewesen: Quasi, als wäre ich 1987 schon in der Lage gewesen wäre, meine Blase selber zu steuern, mich selbst die Spucke vom Kinn zu wischen und im Alleinegang nach Deutschland aufzubrechen.Wie aufregend!
Ich fummelte im Geldbeutel nach einem Fünfer, schnappte mir das Buch und machte mich schnurstracks auf den Weg ins Café, um es ohne weitere Verzögerung zu verschlingen.

Nur sind es 700 Seiten oder so, also arbeite ich diese Woche noch dran. Folgendes lässt sich aber schon festhalten: Plus ça change, plus c'est le même. Denn Trotz Mauerfall und einer folglich stark geänderten außenpolitischen Lage beschäftigte sich die deutsche Gesellschaft von damals anscheinend schon mit den Themen, die uns heute umtreiben:

- schrumpfende Bevölkerung (trotz den neuen Bundesländer!)
- Vereinbarkeit von Kindern und Beruf sowohl für Väter als auch für Mütter, Gleichberechtigung im Berufsleben (von der Leyen-Familienpolitik und Kanzlerin hin oder her!)
- strukturelle Schwächen der Universitäten

Natürlich gibt es kleine Unterschiede zwischen den Debatten von damals und heute. Doch ist es recht auffällig, wie einem Ausländer, der vor 20 Jahren in Deutschland recherchiert und mit den Deutschen über ihre Gesellschaft gesprochen hat, dieselben Themen auffielen - und von den Deutschen genannt worden.

Ist da was daran, wenn viele Deutsche mir erzählen, die Wiedervereinigung habe die Aufmerksamkeit der Gesellschaft weg von damals schon dringenden Themen auf sich gezogen habe? Wenn sie Kohl vorwerfen, ab 1990 keine von den vielen nötigen Reformen unternommen zu haben? Wenn sie sich selbst der Selbstzufriedenheit beschuldigen?

Thursday, 19 November 2009

Wann ist ein Mann...?

Vorneweg: Ja, als Engländer darf ich mir so ein einleuchtenden Einstieg zum Thema erlauben. Denn bei mir ist es noch nicht abgegriffen.

Zum eigentlichen Thema: Naja, es handelt sich eigentlich um eine Frage.

Was hat es mit dem Wort "Männer" im Deutschen auf sich?


Und ist das schleichende Gefühl, die silben des Wortes "Männer" seien irgendwie konnotiert, nur subjektiv bzw. meiner Nichtmuttersprachlichkeit verschuldet? Oder empfinden das auch Deutsche so?

Hierbei handelt es sich für micht keineswegs um das Wort "Mann". Nein, "Mann" ist, wie "Frau" ein sachliches Wort für eine Person männlichen Geschlechts: Konnotationen fügt man dann mit "Typ", "Herr", "Junge" usw bei.

Nein, es handelt sich ausschließlich um die Mehrzahl "Männer", bei der ich einen leichten ironischen Dreh herauszuhören glaube. Nur kann ich nicht sagen, in welcher Richtung. Ich meine, bei "Ja, dann kamense die ganzen Typen..." ist es klar: Da kennt der Sprecher diese Menschen nicht, und dem ist es auch Wurst. Oder bei: "Und was hätten die Herren dann gerne?" will die Bedienung fragen, was die nicht-weibliche Gästen gerne bestellen würden - Konnotation: Höflichkeit, Deferenz. "Jungs, was wollt ihr bestellen?" würde die Situation umdrehen Richtung: Kumpels, Geselligkeit.

Aber in der Situation kann man das einfache Wort "Männer" irgendwie nicht benutzen - meinem (noch jungen) Sprachgefühl nach. "Da kamense, die Männer..." oder "Und die Männer? Was hätten sie denn gerne?" Das klingt komisch.

"Männer" hört sich irgendwie lustig an. Vielleicht denkt man als Deutsche nicht darüber nach, also hier paar Beispiele, die sie mal laut sagen sollen, um ein Gespür dafür zu entwicklen, was ich so meine:

- Männermode

- Männerportion

- Männer-WG

Also, Männermode ist keine normale "Men's fashion", keine einfache Herrenmode; da stellt man sich irgendwie Lederjacke für Malboro-Raucher mit Stoppelbart und aufgeschlitze Jeanshosen für Bauarbeiter vor.


Und eine Männerportion, das ist irgendwie nicht nur eine größere, auf die biologischen Kalorien-Bedürfnisse von Männer zugeschnittene Portion.


Und eine Männer-WG. Naja. Das ist definitiv in der meisten Sprecher Vorstellungen mehr, als eine WG, wo nun mal Männer die Besatzung darstellen.

Monday, 16 November 2009

Brecht, Grönemeyer - nur in Deutschland?

Es gibt so Theaterstücke, die man nur in Deutschland produziert bekommt.

Und hierbei will ich eigentlich nicht über Brecht schreiben, der trotz des vermeintlich unübersetzbaren "Verfremdungseffekt" auch in England durchaus ein Publikum findet. Wiederum war Brecht ein Verfechter der Didaktik auf der Bühne - und darum geht es mir in erster Linie.

Ich war gestern nämlich auf der Uraufführung vom Musical "Der kleine Medicus". Das ist die Umsetzung vom erfolgreichen gleichnamigen Kinderbuch von Dietrich Grönemeyer (ja, Bruder des berühmten Herbert...). Für die, die es nicht wissen: Der kleine Medicus ist ein kleiner Junge, der gerne Arzt werden will und durch wessen Erfahrungen andere Kinder über ihren Körper und über ihre Gesundheit lernen sollen. Und aus diesem Buch ist nun eine Bühnenproduktion geworden.

Also ist das ganze Unternehmen vom Anfang an didaktisch. Im Theater sollen Kinder lernen. Eigentlich nichts Neues, denn es gibt mal seit jeher Didaktik auf der Bühne: das sind nämlich Vorlesungen. Das ist ja das, was dabei rauskommt, wenn man Menschen Stoff beibringen will und dazu auf der Bühne steht und diesen Stoff spricht.

Und weil Grönemeyer das wohl weiß - und weil er wohl weiß, dass Kinder in der Regel keine Vorlesungen mögen - hat er sich dafür entschieden, die Vorlesungen mit Witzen und Action zu versüßen. Wie das funktioniert? Nun, der kleine Medicus wird geschrumpft und in Menschenkörper geschickt, um sich alles von innen anzugucken und um diese Menschen vor einem Bösewicht zu schützen, der ebenfalls in geschrumpter Form in ihnen unterwegs ist.

Nach den ausgiebigen, für Kinder bestimmt spannenden Specialeffects, die für diesen Trick benötigt werden, kann die Vorlesung dann beginnen. Da müssen sich die Kinder nur einen fünfminütigen Beitrag zum Thema Verdauung (mit großen Wörtern wie "Kohlenhydrate" und alles drum und dran) reinziehen und dann geht es wieder witziger zu: Der kleine Medicus muss nämlich aus dem Blinddarm wieder raus und das geht ja nur über einen Weg. Stichwörter "Pups" und "Ich muss mal". Da dürfen die Kinder wieder lachen.

Zum Thema Klo: Der Grönemeyer versteht die Kinderpsychologie ja hervorragend und hat nicht nur gemerkt, dass Kinder keine allzu lange Vorlesungen vertragen, sondern auch, dass Kinder sich über Körperausscheidungen regelrecht kaputtlachen. Und da kommen wir zu noch so einer Nummer, die man wohl nur in Deutschland - in einem Land, wo sich Menschen mehr als unbefangen über ihre Hinterlassenschaften unterhalten - bringen kann.

Denn, wenn die Vorlesungen besonders lang geraten und die Kinder unruhig werden, widmet der Grönemeyer gerne eine ganze Szene dieses Musicals dem Thema Klo. Der große Bösewicht verliert nämlich dadurch das Spiel, dass sein Anhänger dringend pissen muss. Worüber er dann ein Lied singt. Da dürfen die Kinder natürlich auch lachen.

Das gibt es auf der Bühne in dieser Konstellation und in dieser Form wohl nur in Deutschland: oberlehrerhafte Vorlesungen zur menschlichen Biologie gemischt mit lauter Klo-Gags, alles schön mit knalligen orangefarbigen Kostümen und nachgemachten 80er-Jahre-Mucke und Schlager-lite der übelsten Sorte. Und das alles völlig unironisch gemeint und sich an Kinder - ja, an Kinder, die Armen! - ausrichtend.

Das kriegst du wirklich nur in Deutschland produziert.

Und selbst dann wohl eigentlich nur in dem Falle, dass du mit Nachnamen Grönemeyer heißt.

Friday, 13 November 2009

Die Steuerberater

Ich habe schon einmal hier was zum Thema Steuerberater geschrieben. Ich finde nämlich, dass der Berufsstand in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert einnimmt. Es sprechen Menschen über Steuerberater, als ob das Allgegenwärtige, Allmächtige wären. Es sprechen auch Steuerberater über Steuerberater, also ob sie - wenn nicht allmächtig sind - zumindest verdammt wichtig.

Sie sind eben stolz auf ihren Beruf. Und in Deutschland haben sie ein Land, in denen die Menschen sich gerne gegenseitig austricksen. Wer also seinem Nachbar gegenüber behaupten kann, er haben seinen Porsche absetzen können aus irgendwelchem Grund, der hat den Vorteil - frei so nach dem Loriot-Motto: "Ja, aber ich kann's halt schneller als Sie". Übrigens ist das deutsche Steuersystem bekanntermaßen kompliziert und wer damit einfallsreich umgehen kann, dessen Tätigkeit wird gut entlohnt; der ist gefragt.

Der Macht der Steuerberater wurde mir neuerdings wieder besonders bewusst bei einem nächtlichen Spaziergang in Berlin. Am Hackschen Markt lief ich nämlich am "Haus der Steuerberater" vorbei.


Ich habe nachgeschaut. In UK ist gibt es erst seit 1997 einen Verein der Steuerberater, und sitzen tun sie nicht an irgendwelchem schicken Londoner Platz, sonder in Exeter im tiefen Westen. Desewegen fallen sie in England nicht auf. Kein Wunder: In einem Land ohne Pendlerpauschale und ohne die Möglichkeit, Kinder steuerlich abzusetzen, werden sie eben weniger gebraucht.

Wednesday, 11 November 2009

Düsseldorf, ich komme!

Ach, heute haben wir den 11.11: Was ist das denn für ein schöner Tag!

Nicht nur der Tag, an dem sich meine Lieblingsländer Großbritannien, Frankreich und Deutschland versöhnen und gegen den Krieg mahnen - eine sehr würdige Angelegenheit - sondern auch der erste Tag der fünften Saison im Rheinland: Karneval!

Ich kann kaum warten. Meinetwegen könnten wir schon durch Dezember und den ganzen Weihnachtenkrams vorspülen. Januar sowieso. Ich will sofort in die Altstadt, ich will Altbier trinken, ich will schunkeln.

Aber gut Ding will weile haben. Und vorfreudemäßig kann ich mir folgendes gönnen...

Monday, 9 November 2009

Ein Deutschland-Bild zum Mauerfall


Aus dem Reichstagskuppel Richtung Südosten: Das, was im Mittelfeld des Bildes liegt, war früher Todesstreifen.

Thursday, 5 November 2009

BIG BEN in Berlin

Mir ist schon sehr früh nach meinem Umzug nach Deutschland aufgefallen, dass hier Autos nach Stadt gekennzeichnet wird. Zuerst habe ich die Logik eines solchen Systems nicht erkannt: Wagen werden nämlich dafür gebaut, dass sie gefahren werden – sprich: sie haben nur in geringem Umfang eine Ortsverbundenheit. Manchmal zieht man um zum Beispiel, mit – und wohl mittels – Wagen, und muss das Ding erstmal neu anmelden und ein neues Schildchen dran schrauben lassen. Was bringt das einem? In Großbritannien wird jeder Neuwagen halt mit einer bedeutungslosen Nummer ausgestattet, die er sein ganzes Leben lang eben behält. Und fertig.

Unterwegs mit Kindern in einem Wagen versteht man aber sofort einen Nutzwert der Stadt-gebundenen Schildchen. Deutschland ist nämlich äußerst kinderfreundlich und der Heimat von vielen pädagogischen Bewegungen internationaler Bedeutung; also gehört es sich natürlich, dass sich die Kleenen auf langwierigen Autobahnfahrten unterwegs mit Städte-Spotting-Spielchen amüsieren und dabei geografische Kenntnisse aneignen können.

Einen anderer Pluspunkt von den deutschen Kennzeichen gegenüber dem von Wurstigkeit durchdrungenen englischen System ist mir aber erst neuerdings auf einen Besuch in die Bundeshauptstadt aufgefallen. Und zwar: Mit dem ersten Buchstaben (in diesem Falle ja das „B“) kann man sich so einiges einfallen lassen, wenn man sein Schildchen personalisieren möchte. Ich musste zugegebenermaßen zunächst von einer adleräugigen Freundin darauf aufmerksam gemacht werden – anhand des Beispiels „B IG“ – aber danach merkte ich so manch eine einfallsreiche Kennzeichnung. Am geilsten fand ich „B MX“ (wohl ein begeisterter Fahrradfahrer) sowie „B RI“ – unter 3,4 Millionen Berlinern müssen paar wie ich „Brian“ heißen – und das selbstreflexive „B KA“ – wobei das Schild muss ja wohl noch in Karlsruhe überprüft werden wie eben das Gesetz zur Kraftfahrzeugüberwachung.

Solche Spaßmöglichkeiten waren mir in Dortmund, Münster und Hamburg noch nie aufgefallen – denn „DO“, „MS“ und insbesondere „HH“ geben nicht viel her. Es sei denn, man heißt irgendwie Heinz Heinemann oder so, aber das versteht dir eh keiner. Ich werde aber bei meinen nächsten Düsseldorf- und Köln-Besuchen besser aufpassen; da kann man schon paar gute Sachen machen, denke ich mir mal.