"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Wednesday, 22 December 2010

Goodbye Rheingold!


Sonntagnachmittag am Münsteraner Hauptbahnhof, circa 17:00. Es ist die blaue Stunde, in einigen Minuten wird es stockfinster sein: nur der Schnee wird vielleicht noch ein bisschen Mondlicht spiegeln - wenn er überhaupt durch die schneiende Wolkendecke durchblickt.

Ich warte auf einen verspäteten IC nach Hamburg. Die Fernzüge in Richtung Norden fahren immer vom Gleis 12 ab, das komischerweise vom Gleis 9 am selben Bahnsteig gegenüberliegt. Am Gleis 9 fahren dann die ICs in die andere Richtung, und in Münster kreuzen sich meistens die Züge in Richtung Norden und Süden.

Weil an diesem verschneiten Nachmittag beide eine ähnliche Verspätung haben, werden sie sich wohl trotzdem kreuzen.

Unserer Zug fährt ein. Laut Anzeigetafel ist es ein Ersatzzug, was mich nicht wundert, denn die ganzen ICs sind noch störungsanfälliger als die ICEs und fallen komplett aus, sobald sie nur eine Schneewolke sehen. An die IC-Ersatzzüge auf der Strecke habe ich mich in letzer Zeit gewohnt: Meistens paar Wagen kürzer, oft ohne Steuerwagen, und mit manchmal (aus heutiger Sicht) eher abenteuerlichen Farbkombinationen in der Inneneinrichtung.

In die andere Richtung zur gleichen Zeit, 'erhält der verspätete IC 2717 nach Köln Einfahrt', wie es in Bahndurchsagedeutsch heißt, wenn ein Zug spät eintrifft. Hierbei handelt es sich ebenfalls um einen Ersatzzug: Und was für einen!

Denn es fährt nicht irgendwelcher Ersatzzug ein, sondern: Der Rheingold!

In Originallackierung, mit dem dazugehörigen alten E-Lok und den Aussichtswagen (und drei verloren-aussehenden RB-Wagen hintendran).


Wie geil ist das denn bitte?

Früher habe ich immer Freunden aus der alten Heimat gegenüber behauptet, Deutschland sei besser organisiert als Großbritannien. In meinem Heimatland hätte die Bahn es ja nicht so drauf mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, und schon beim Blätterfall im Herbst würde es mit den Verspätungen, Ausfällen und komischen Ausreden losgehen. Da hätten die Deutschen es verstanden, wie man den Zugverkehr zu stellen hat.

Nun nach Jahren Sparpolitik und Börsengangvorbereitung stimmt das Null. Aber ich kann trotzdem darauf hinweisen, dass die Ersatzzüge hier doch klasse sind.
Für die Fotos danke ich den Flickr-Usern Gregorius Mundus und kbs478.

Wednesday, 1 December 2010

Oh no! It's the Krauts!


Ich war neuerdings wieder in England und gönnte mir mal ein Viz. Das ist eine Satire-Magazine, aber ist deutlich unter Private Eye (die ja wie Titanic ist) drunter angesiedelt. Insofern, als der Ton derb und kindisch sex-lastig is, während der Inhalt viel weniger mit reiner Politik zu tun hat.

Trotzdem bzw. genau deswegen gefällt mir die Viz ganz gut. Die nimmt ja auch die beschränkte Sichtweise vieler Briten herrlich aufs Korn - aber irgendwie mit einem unausgesprochenen Verständnis eben für diese Sichtweise und für die oft benachteiligten Menschen, die sie wegen mangelnder Bildung teilen. Eine schwierige Gratwanderung, die im obigen Ausschnitt einen Höhepunkt erreicht - im klischeehaftesten Gebiet des britischen Unterschichteshumors...

Friday, 29 October 2010

Münte für Bündeskanzler!

Im Wahlkampf im August 2009 war ich auf einer Veranstaltung der SPD in Hamburg und erlebte dort den "Münte" live. Wie bestellt riefen lauter Jusos minüntenlang "Wir wollen den Münte sehen", bis er - ganz der Showman - etwas spät auf die Bühne kam und zum Rednerpult schritt.

Er hielt dann auch eine gute Rede ab: rhetorisch geschickt, inhaltlich dicht, ab und an witzig. Aber wie ein echtes Phenomen wirkte er nicht: Die "Jusos" waren wohl wirklich bestellt worden von irgendwelcher Casting-Agentur, dachte ich mir. Auch wenn man davon ausgeht, dass eine gewisse Partei-Sympathie zu erwarten ist, war die Begeisterung, die "Münte" auslöste, einfach erstaunlich.

Wie konnte dieser kleine, alte Mann mit zwar vertretbaren aber keines Weges revolutionären Ideen so viele Leute so mitreißen?

Dann passierte mir gestern Abend was komisches. Ich las ein Gespräch mit Müntefering in der ZEIT und wollte vom Esstisch aufstehen und "Wir wollen den Münte sehen!" rufen.

Auf Seite 6 im Politik-Teil gab es ein kurzes Gespräch mit ihm über integration. Nach den letzten Wochen graute mir es schon davor, noch so einem Poltiker dabei zuzusehen, wie er die von Sarrazin und Seehofer ausgelöste Welle Hass und Misstrauen zu reiten versuchte - so nach dem Motto: "Auch wenn er sich im Ton vielleicht vergriffen hat, sind das allerdings ernstzunehmende Sorgen..."

Doch fesselte mich die Überschrift "Irgendwann ist man einfach Deutscher", und ich las weiter. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte ich mich nicht enttäuscht, sondern ermu(ü)ntert: Es sind doch nicht alle bescheuert geworden.

"Es darf nicht sein, dass jemand, der vor 30 oder mehr Jahren nach Deutschland gekommen ist, heite noch Migrant behandelt wird. Irgendwann ist man einfach Deutscher. Das ist keine Frage von Glauben, Kultur, Haarfarbe, Sprache. Wenn jemand längere Zeit heir lebt, zählt nur, ob er sich zum Grundgesetz bekennt. Wer das tut, gehört mit allen Pflichten und Rechten dazu... (die Union fängt immer wieder an) mit ihrer unsäglichen Leitkulturdebatte. Die deutsche Leitkultur ist das Grundgesetz."

Hört sich simpel an, sagt aber doch keiner! Seit Wochen nicht mehr. Nur eine Kanzlerin, die Multi-Kulti als "absolut gescheiter" abstempelt.

Übrigens: davor war der letzte Politiker, der sich in der Sache meiner Meinung nach so einwandfrei geäußert hat, Sigmar Gabriel gewesen. Schön, auf die SPD ist also immer noch Verlass.

Der Interview wurde im Verlauf des Tages bei Zeit Online reingestellt.

Tuesday, 12 October 2010

Um den heißen Brei reden - oder sich den Kopf heiß reden?

Die letzten Wochen hatte ich sehr, sehr viel zu tun: Ein 250-seitiges Buch über den weltweiten Kampf an der Spitze der Autoindustrie musste ins Englische - und zwar schnell. Zwischen dem 27. September und dem 9. Oktober war ich gerade eine Stunde einkaufen (nur noch das Nötigste an Proviant) und vielleicht insgesamt fünfmal überhaupt draußen (Zigarettenpausen auf dem Freiberuflerbalkon nicht mitgerechnet).

Wie viele ältere Menschen und Landbewohner also war ich vom normalen Stadtleben eine weile Lang abgeschnitten. Mein Kontakt mit den 1,7 Millionen Menschen in der Großstadt Hamburg, und mit den 81 weiteren Million Deutschen überhaupt, beschränkte sich weitestgehend auf eine Halbstunde Deutschlandfunk morgens und gelegentlich Zeitung, sowohl gedruckt als auch online.

In der Zeit veränderte sich mein Blick auf Deutschland. Das bunte, fröhliche, freundliche Land, in das ich mich verliebt hatte, verwandelte sich wie über Nacht in ein Schlachtfeld, durchzogen von Kampfgräbern, in eine Lunarlandschaft zerfetzter Gesellschafts-Ruinen, überzogen vom beißenden Rauch brennender Träume, in dem sich träge Hartz-IV-Empfänger mit ihren Extra-Fünf-Euro zombieartig auf die tägliche Suche nach Schnapps und Zigaretten machten und dabei von ausländischen (sprich: türkischen), "ihr Scheißdeutsche!" schreienden Räuberbänden überfallen wurden. An den Frontlinien standen sich "Deutsche" und "Ausländer" (sprich: Türken) gegenüber und bleckten die Zähne. Anführer der Deutschen: Ein hässlicher Thilo-Sarrazin-Horst-Seehofer-Zwitter mit Guido Westerwelle als General. Rudelsführer der Gegenüber? Na klar! Irgendwelcher hasspredigender Imam. Wie er genau heißt? Weiß keiner. Ist auch wurscht. Davon gibt es eben so viele in Deutschland, die auf den Ruinen der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft ihre Moscheen in die Höhe ziehen und "uns" allen mit dem Muezzin beschallen wollen. Hinter den Frontlinien sammelten beide Seiten ihre Kräfte für den letzten, allesentscheidenden Schlag: Die Imams arrangierten ihre Kreuzberger und Neuköllner Bataillons; Sarrazin verpaarte die letzten fleißigen Schwaben mit den letzten g'scheiten Bayerinnen, damit auch nach dem apokalyptischen Endkampf noch paar intelligente Teutonen in unterirdischen Zuchtanstalten das zerstörte Land von den Terroristen zurückerobern konnten.

In den Zigarettenpausen blickte ich mal vom Balkon runter und konnte es kaum fassen. Der Blick sah nach wie vor ganz harmlos aus. Deutsche Autos fuhren vorbei an der U-Bahn, in die Pendler morgens verschwanden und abends wieder rauskamen. Gelegentlich gab es sogar dazu noch Herbstsonne. Keine scharfe Dämpfe in der Luft; noch kein Muezzin. Ich war einmal sogar kurz beim Bäcker: Zwei Roggenbrötchen gab es (noch), und (noch) kein Fladenbrot. Der türkische Elektriker von nebenan ließ mich sogar in der Schlange höflicherweise vor, weil er sich noch nicht entschieden hatte.

Komisch! Der Verfall der gesellschaftlichen Ordnung, wie ich sie den Medien entnommen zu haben glaubte, war also doch noch nicht so weit vorangeschritten. Vielleicht würde es ja sogar noch Zeit geben, den letzten funktionierenden ICE der Deutschen Bahn zu kapern und damit zurück nach London zu fahren, so lange Seehofer noch nicht die Grenzen dicht gemacht hat. Welch merkwürdige verzögerte Erscheinung von solchen dringenden gesellschaftlichen Problemen! Vielleicht war die Frontlinie aber zum Glück noch irgendwo in einem Berliner Problemviertel.

Erst in den letzten Tagen, wo ich wieder öfter draußen war und mit Menschen aus Fleisch und Blut geredet habe, habe ich verstanden, woran es alles lag. Dass ich so einen apokalyptischen Eindruck der Verfassung der deutschen Gesellschaft gewonnen hatte, lag daran, dass ich einfach nicht genug in der Stadt unterwegs gewesen war und mich einfach zu sehr auf die Medien, die ja "am Puls der Zeit" liegen und mich "abholen, wo ich stehe", für meine Wahrnehmung der Realität hatte verlassen müssen. Während man es so darstellt, als ob Generationen Politiker nur noch um den heißen Brei herumgeredet hatten und jetzt müsse Sarrazin, Seehofer & Co "endlich mal Klartext reden", ist es in Wirklichkeit so, dass sie sich den Kopf heiß reden.

Nach diesem Realitätsentzug verstehe ich erst recht, wieso auch intelligente Menschen mal FDP wählen oder Sarrazin ernst nehmen. Empfehle ich jedem, der wie ich in diesen Tagen über den öffentlichen Diskurs nur staunen kann.

Monday, 20 September 2010

Die Waagschale: Regierung vs. Volk


Einer der wichtigsten Beweggründe für mich, nach Deutschland zu kommen und hier ein Leben aufzubauen, waren die sozialdemokratischen Werte, die meiner Meinung nach hierzulande besser gepflegt werden, als etwa in meinem Heimatland. Deswegen war der letzte Bundestagswahl so eine bittere Enttäuschung für mich: Wie konnten die Deutschen das nur tun? Westerwelle wählen? Neoliberale Politik aus den 80ern und 90ern unterstützen, wo doch die USA und UK reihenweise Paradebeispiele abliefern für die soziale und wirtschaftlichen Probleme, die daraus resultieren?

Ich ahnte Schlimmes: und bekam Schlimmeres. Nicht nur hat Schwarz-Gelb bislang eine erwartungsgemäß eisige soziale Kälte an den Tag gelegt, sondern auch eine unerwartete Unfähigkeit, zu regieren. Nicht nur kann ich deren Politik nicht akzeptieren, ich kann die nach den zahlreichen Pannen (u. a. Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers, "spätrömische Dekadenz" und "Gurkentruppen", Gauck-Wulff) nicht einmal respektieren. Die Thatcher etwa war zumindest respekteinflößend effizient in ihrem menschenverachtenden Handeln zu Gunsten der Reichen. Die Merkel tut mir beinahe nur noch leid.

Beinahe. Denn wie kann einem eine Frau leidtun, die ein Sparpaket vorlegt, bei dem alleinstehende Mütter auf Hartz IV kein Kindergeld mehr kriegen? Wobei aber Besserverdienende und Wohlhabende rein gar nichts beisteuern? Änderung im Spitzensteuersatz? Fehlanzeige. So eine Politik ist mehr als unsozial: Es ist regelrecht asozial.

Dann kam auch noch dieser Spinner, Sarrazin. Und der erstaunliche Beifall für ihn. Und wo Beifall doch ausblieb, immer noch das kolassale Missverständis, er spreche schon nötige Misstände an und habe immerhin ein Nutzwert als Tabubrecher. Dabei halte ich es mit Sigmar Gabriel in der ZEIT:

"Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird. Das hätte ich noch vor einem Monat für völlig undenkbar gehalten. Wem es bei der Botschaft »neues Leben nur aus erwünschten Gruppen« nicht kalt über den Rücken läuft, der hat wohl nichts begriffen."

Ich überlegte mir in der Tat kurzzeitig, ob ich wirklich in Deutschland weiterleben wollte. Ich bin noch jung, ich bin noch mobil. Ich könnte doch zurück nach England, wo Thatcher schon das Schlimmste angerichtet hat und wo man schon weiß, wo man steht. Wo man nicht mehr fürchten muss, dass soziale Errungenschaften abgeschafft werden, wenn auch nur deswegen, weil es nur noch wenige davon gibt. Und wo Sarrazins Aussagen es immerhin wohl nicht einmal in ein gedrucktes Buch geschafft hätte, geschweige denn in das Scheinwerferlicht des geamten demokratischen Diskurs.

Dann war ich aber am Wochenende in Berlin und sah, wie die Demonstration gegen den Atomkurs der Regierung viel mehr als eine Sammlung von ungewaschene, reaktionäre Alt-Linken war. Es waren viele Menschen wie ich, die in der Atompolitik der Bundesregierung nicht nur eine unnötige Drohung für künftige Generationen sehen sondern auch die reinste Verkörperung einer unsozialen, unfähigen, und offenbar nicht unbestechbaren politischen Kultur, die sich in der Hauptsstadt breitgemacht hat.

Wegen diesen Menschen, die aus allen Ecken der Bundesrepublik an einem Wochenende nach Berlin gereist sind, weiß ich wieder: trotz Merkel, Westerwelle und Sarrazin kann man doch sehr gut in Deutschland weiterwohnen.
Bild: Danke an salamith.sullmann bei Flickr.

Tuesday, 14 September 2010

Das Buch ist da

Also, liebe Leser, ich hatte euch eigentlich eine ununterbrochene Berichterstattung aus meinem Leben auf diesem Blog versprochen. Allerdings - wie ihr gemerkt habt - wurde das nichts, und zwar aus zwei Gründen.

1. Urlaub. (Südfrankreich, sehr geil)

2. Und Buch!

Es wird an Kunden demnächst ausgeliefert, muss bei verschiedenen Medien platziert werden (deswegen meine Abwesenheit) und sieht so aus:

Ich hatte mir auch überlegt, ob ich doch nicht hier was zu Sarrazin schreiben sollte. Die Debatte war nämlich voll am Wüten, als ich aus dem Urlaub zurrückkam und ich war erstmal so sehr entsetzt über seine Aussagen, dass ich mir ein Schreibverbot auferlegte, damit ich nicht zu allzu ordinären Begriffen für diesen rassistischen... naja, das war das Problem.

Jetzt habe ich aber eine gewisse Lockerheit diesem Thema gegenüber heranzüchten können. Denn Beispiele für gelungene Integration sieht man jeden Tag genug, wenn man nicht gerade auf dem Land in Bayern oder in Sarrazins Wohnung wohnt. Ich bin sogar sehr locker, dass ich nichts dazu schreiben will.

Was vielleicht ja da herrührt, dass ich als Engländer genetisch fauler als ein ordentlicher Deutscher bin. Der hat das bestimmt irgendwo im Buch behauptet. Ich bin aber auf jeden Fall definitiv zu faul, um mich durch so einen Scheiß zu quälen. Also vermute ich's einfach mal.

Friday, 23 July 2010

Das Buch steht

Ein guter Freund von mir aus England, der trotz einer nicht unbeachtlichen Sprachbegabung letztendlich Physiker geworden ist, hat oft gesagt, er als Laier möge die schlichte Wucht der deutschen Sprache.

Beispiel nennt er aus den Texten zu klassischer Musik - da kommen seine Deutschkentnisse her. Was ja heißt, dass er eine passable Wehklage um Brünhild über die Lippen bringen kann, aber noch nicht in der Lage ist, ein Brötchen zu bestellen. Aber nun gut.

Woran er besonderes Gefallen finde: Dass das Deutsche immer noch auch in der gesprochenen Sprache das schlichte Präsens verwendet. Im Englischen muss ich fast immer die zusammegesetzte Form nehmen: also "we are eating" und nicht "we eat" oder "we are standing" und nicht "we stand". Weniger Wörter, dafür mehr Ausdruckskraft habe das Deutsche, so der Freund, der allzu offenbar nie in Deutschland lebt und nicht um Wörter wie "Verpflegungsmehraufwendungentagespauschale" weißt.

Aber in einigen Fällen stimmt's.

So ein schlicht-schöner Satz voller breiten, kräftigen Vokalen, dass diesem Freund bestimmt gefallen würde: Das Buch steht.

Es ist so weit! Ab diesem Wochenende darf ich nicht mehr an dem Lost-in-Deutschland-Buchmanusprikt rumfeilen. Ab in den Satz! (Bei dem Satz ebenfalls freut sich der Fan deutscher Schlichtheit)

Und wer lesen will, wie ich aus dem schon unaussprechbaren obigen Wort Verpflegungsmehraufwendungentagespauschale ein noch größeres Monstrum baue, so wie andere belustigende Angelegenheiten und unterhaltsamen Erfahrungen, der kann immer noch bis zum 13. September bei Amazon vorbestellen.

Danach kann er ja auch bestellen: aber dann ist es nicht mehr vorbestellen, eben.

Thursday, 15 July 2010

Harkortstraße 2.0

Vor gut achtzehn Monaten, nur zwei Tagen nach Neujahr, als der Schnee über Deutschland lag und man eigentlich überhaupt nicht draußen verweilen wollte, war ich zu Fuß in einer den meisten Bundesbürger gleichgültigen Gegend unterwegs: In Dortmund-Hombruch, einem 0815 vorortsmäßigen Stadtteil, wo nichts Kirmes/Straßenfest/Weihnachtsmarkt war, wo kein Glühwein angeboten wurde, und wo ich selber nicht einmal mehr wohnte (was ich allerdings einem Jahr davor sechs Wochen getan hatte).

Warum? Warum nur? Selbst aus Liebe zu einem zwar völlig durchschnittlichen aber sehr nettem Stadtteil würde man an diesem eiskalten Tag nicht Stunden draußen stehen.

Es sei denn, man wollte dem Namen "Harkort" auf den Grund gehen. Denn in Hombruch und in der Gegend südlich von Dortmund, merkte ich, dass der Name "Harkort" ziemlich oft vorkommt. Einen Harkortsee gibt es dort, und in Hombruch eine Harkortschule, den Harkortbogen und die Harkortstraße. Wer war Harkort? fragte ich mich - die Antwort ist hier zu sehen.


Nun an einem der heißesten Tagen des Jahres fuhr ich in Hamburg-Altona einen ungewöhnlichen Weg zum Elbestrand - dem Verkehr an der Max-Brauer-Alle (Name auch schon recherchiert!) wollte ich aus dem Weg gehen und bog also in die Haubachstraße ein. War so ungefähr pimadaum die richtige Richtung.

Rausgespuckt hat sie mich an der Kreuzung der Julius-Leber und - richtig - der Harkortstraße.

Die mußte ich trotz Hitze und der Lust, sofort ans Wasser zu kommen, an der Stelle mal längsfahren. Gemäß ihrem Namensgeber war sie industriell mit Gründerzeit-Zwecksbauten aus rotem Klinker. Relativ unspannend, es sei denn, man kennt Harkort und weiß, wie wichtig er war.

Tuesday, 6 July 2010

Dr. Schlandlove: Or how I learned to stop worrying and love the flag!

Die WM geht für Deutschland leider weiter und ich darf zur Zeit journalistisch für meine Kunden nichts machen, was nichts mit ihr zu tun hätte.

Man könnte also denken, ich würde mich hier austoben und alles schreiben, was ich nirgendwo sonst loswerden kann. Falsche Annahme!

So allgegenwärtig ist dieses WM-Dings, dass selbst Fußball-Muffer mythisch tiefer Überzeugung wie meine Wenigkeit über nichts anderes reden und denken können.

Auch nicht meine Freunde bei It's My Pocket e.K., eine Neugründung meiner lieblings Kamera-Kollegen, die kleine maßangefertigte Taschen mit Inhalten für alle Bedarfsfälle verkauft - inklusive Fan-Bedarfsfällen.

Tja, man will einer Freundin einen Gefallen tun und lässt sich mal abblicken für ihre Website. Und dann werden die WM-Taschen in Schwarz-Rot-Gelb ausgehändigt und es wird "'Schland" geschrieen.

Boah, so was niveauloses. Aber ich musste da als Freund voll einsteigen, damit das Foto aussieht. Und musste gleich nachher erstmal ein Six-Pack Oettinger leeren und meinen strähnigen Pennerhund anschreien. Mit dem Pfandgeld von den sechs - und vielen anderen auf dem Weg gesammelten - Flasche ging es los zur nächsten Bude, wo ich mir eine schöne Vuvuzela-Tröte holte.

Wenn schon assig, denn mal richtig assig.

Foto: Janine L. Thun

Friday, 25 June 2010

Hilfe! vs. Help!

Boah ey, ich kann das alles nicht mehr sehen: Diese Fähnchen, diese Trikots, diese Proll-o-mobile mit schwarz-rot-geld überall, wo es sich nur festmachen lässt - und an einigen Stellen, wo es eben nicht festsitzt. Aber egal: Hauptsache die Hamburger Fruchtallee schön schnell runterfahren an meinen Fenstern vorbei und "'Schland!" schreien.

So ist richtig! Ja, so sieht eine verantwortungsvolle Teilnahme am Straßenverkehr aus.
'Schlöcher! grübele ich vor mir hin.

*

Mittwoch sollte ein Freund von mir zum Abendessen vorbeikommen. Nun: Als urbaner freiberuflicher Medienschaffende im schicken Eimsbüttel esse ich schon aus Prinzip ungerne vor 21:00 zu Abend. So was machen Leute die sich nach dem "Maloch" ein "Feierabendbier" bestellen.

Der Freund ruft aber an und fragt, ob wir doch nicht eher gegen 19:00 essen könnten.

Der Grund?

"Diese Scheiß-WM. Muss ich doch mit der Bahn an den Messehallen zu dir vorbeifahren - und da steigen sie zum Fanfest aus. Da will ich nicht nach Spielende durchmüssen."

Diese WM: Nicht nur macht es aus ganz normalen Deutschen ätzende Dummprolls, aber es zwingt mich dazu, mich wie einen zu verhalten. Ach, was solls, her mit dem Dosenbier! Das mit Assigkeit haben wir Engländer sowieso schon ganz gut drauf.

*

Und jetzt zu allem Überfluss noch England-Deutschland am Wochenende. Brauchte ich mal eine Ausrede, um meine In-'ner-Londoner-Plattenbausiedlung-aufgewachsen-Assigkeitssau rauszulassen, wäre es dieses Spiel hier. Aber Im-Feinripphemd-mit-Kippe-im-Maul-Saufen tu ich sowieso mal gerne - da brauche ich nicht 90 Minuten vor der Glotze für verbringen.

Aber die Mitbewohner lassen nicht locker. Ich müsse mitgucken.

Und sobald ich mein Zimmer verlasse, kommt einer rein und hängt eine Deutschlandflagge bei mir am Balkon raus, die ich jetzt schon paarmal wieder runtergenommen habe.

"Ach Menno! Brian, nur weil es eine Deutschlandfahne ist. Du kannst auch eine Englische danebenhängen..."

"... Hörtmal! Ich will keine Fahne von keinem Land nirgendwo raushängen! Versteht ihr das nicht?"

*Vuvuzela-Geräusche und besoffenes Gelächter*

Für die Fotos möchte ich mich bei Flickr-User smitty42 (oben links) und epha (unten rechts) bedanken.


Monday, 14 June 2010

Teutsche Tugende

Jeder kennt die, die Eigenschaften, die den Deutschen im Ausland zugeordnet werden: Organisationstüchtigkeit und penibler Genauigkeit, Präzision und Perfektionismus, tiefgehende Begeisterungsfähigkeit und einen Hang zu sentimentalem Schmalz.

Meistens halte ich nichts von der Aussagekraft solcher Stereotypen, obwohl die Deutschen wirklich in Sachen Organisation so einiges drauf haben. Aber zu WM-Zeiten kommen die ganzen stereotypischen Charaktereigenschaften zusammen: Und das Resultat ist... knallig!



Ja, bei der Ansicht der deutschen Häusern, Balkonen und Pkws zu WM-Zeiten kann man sich des Eindruckes kaum erwehren, dass die Deutschen in der Tat überorganisierte Freaks sind, die immer nach einer Schopenhauer'schen Vollkommenheit streben und sich in jeden Scheiß so reinhängen können, dass die Rationalität erstmal völlig außer Kraft gesetzt wird.

Nicht, dass der Deutsche der einzige ist, der seinen Wagen und seine Wohnung zur WM mit der Fahne dekoriert. Nein, das tut natürlich auch der eine oder andere Engländer. Der Amerikaner tut es ja sowieso, WM hin oder her. Aber der Engländer kauft aus Impuls an der Kasse so eine Fahne. Der Deutsche, nein: Der Deutsche macht es wie mein einer Mitbewohner und zieht drei Wochen vor WM-Start in einer detailgenauest geplanten Operation auf Einkaufsmission los.

Letztens kriegte ich ein solches "Unternehmen Dekorieren" aus nächster Nähe mit. Da nimmt sich der Mitbewohner einen freien Nachmittag von der Arbeit und macht sich auf dem Weg mit Geld und Stofftüten (der Umwelt zuliebe!) bewaffnet. Letztere stopft er dann mit Kunststoff-Fahnen und -Girlanden in rauen Mengen voll. Dann schreitet das Unternehmen in die heiße Phase; dann wird "dekoriert". Da verbringt er eine Halbstunde mit Hammer, Trittleiste und der Zunge konzentriert durch die Zähne herausgesteckt - und fertig ist die WM-Thema-Schaubude.

Und keiner stört sich daran.

Ja, es wird sogar gefragt von den anderen Mitbewohnern, wo er das alles her habe? "Du, du kannst ma' zur Penny gehen. Da hamse ganz nette Sachen. Und Edeka haben Fahnen zum halben Preis..."

Aber es werden keine halben Sachen gemacht.

Dann kommt gestern das erste Deutschland-Spiel. Soviel Schwarz-Rot-Gelb-Makeup habe ich noch nie gesehen. Soviel Anteilnahme vor dem Fernseher, soviel schreien, soviel Drama! Warum habe ich das pflegmatische England bloß hinter mir gelassen, wo nur die letzten Assis den Fernseher anschreien und nicht irgendwelche normale Mittelschichts-Mitbewohner? Was ist denn jetzt hier los?

Dennoch darf ich das nicht alles so schwarz(-rot-gelb) sehen. Gucke ich aus dem Fenster auf die viel befahrene Fruchtallee, so kann ich eine repräsentative Studie durchführen, die zeigt, dass die meisten Deutschen doch auch zur WM-Zeiten einen ganz gesunden Menschenverstand an den Tag legen: Von 100 Autos, die hier im Zeitraum 15:30 bis 15:32 vorbeifahren, haben meiner Zählung nach nur 10 Fahnen. Wiederum haben 3 von diesen 10 bereits zwei Deutschland-Fähnchen...

Friday, 11 June 2010

Frank+Furt


Ich bin nicht oft in der südlicheren Hälfte von Deutschland; meistens begrenzen sich meine Reisen von Hamburg aus auf Berlin und NRW. Deswegen freue ich mich immer wieder, mal über Köln und Hannover hinauszukommen und das komische Dialekt sprechende, den Löwenanteil des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftende, Wein-produzierende Deutschland kennenzulernen.
Oder das Apfelwein produzierende Deutschland, denn ich war diese Woche in Frankfurt. Zwar zum dritten Mal, aber beide vorige Malen waren Aufenthalte von 12-15 Stunden, wovon einen variierenden Anteil abgeschlafen wurde. Diesmal habe ich das aber auf fast 24 Stunden in der "Mainmetropole" gebracht, schön mit Termine, Freizeit und Rumgucken.

Und für mich steht nun fest: Frankfurt ist eine Stadt der krassen Gegensätze. Sie ist reich und arm, nagelneu und steinalt, groß und klein. Sie ist eine Stadt mit einer der weltweit stärksten Privatwirtschaften und dennoch einer sehr bundesdeutschem öffentlichen-sozialen Ader. Sie ist eine Stadt, die anzieht und abstößt.

Gigantisch, weltmännisch der Hauptbahnhof. Ein Ort der möglichkeiten, wo der Inselaffe staunt, weil an der Anzeigetafel Züge in mindestens sechs Länder stehen, alles von A wie Antwerpen bis Z wie Zürich.

Kleinkarriert und provinziell dieser Römerplatz. Nett und schnuckelig, auffällig urig in vergleich zu den Wolkenkratzern im Hintergrund. Hamburgs adrette Binnenalster passt zur hanseatischen Identität, Berlins Brandenburger Tor und Reichstag zu einer Regierungsstadt. Frankfurts Platz tanzt aus der Reihe.

Reich die Innenstadt. Voller Banker nach Feierabend, die in den ganzen Restaurants um die Hauptwache locker 30 EUR für ein Abendessen und paar Bierchen ausgeben können - jeden Abend.

Arm der Ostend, wo mein Hotel sich befand. Internet-Cafés, Handyläden und Gastarbeiterlokalen wie frisch aus den 80ern (ganz wie die Banker mit zurück gefönten Haaren, eigentlich).

Privat die Unternehmen, die die Innenstadt kolonisiert haben. Öffentlich die städtischen Bühnen direkt in ihrer Mitte und die Straßenbahn, die Penner wie Banker jeden Morgen zur Arbeit bringt.

Diese Arbeit ist übrigens eine relativ ähnliche: Der Versuch, dem durchschnittlichen Rest der Gesellschaft Geld abzugewinnen.

Dieses Geschäft, diese Gegensätze gibt es ja in jeder Stadt, aber nirgendwo fällt das so krass auf, ist das so im Stadtbild eingeprägt, wie in "Mainhattan". Wo vor dem Hauptbahnhof mit der heruntergekommenen Kaiserstraße nebst glänzenden Wolkenkratzern im Hintergrund ein Penner bittet einen Banker um Feuer und kriegt ein silbernes Lotus-Zeug, um sich seine Selbstgedrehte anzustecken.

Fotos von Flickr-Usern: Wolfgang Staudt (Panorama oben), K_Gradinger (Bahnhof) und fabiogis50 (Spiegelung)

Monday, 31 May 2010

Lena beim Grand-Prix: Eine Deutschland-Deutung

In England heißt Le Grand Prix Eurovision de la Chanson seit Jahren schlicht "Eurovision". "Grand Prix" ist nämlich schon für Formel Eins vorreserviert. Als ich also in Hamburg das erste mal zum "Grand-Prix-Gucken" eingeladen war, war ich etwas perplex: Ein Formel-Eins-Rennen, dass samstagabends stattfindet? Eine Frau, die das feiern wollte mit Würstchen und Kartoffelsalat?

Aber nun gut, man hat ja alles gesehen, ne? Vielleicht war das Rennen ja in Australien oder so? Und wegen Frauen und Autos und "typisch männlichem" Hobby - naja, Gleichberechtigung und so. Warum denn nicht?

*

"Grand-Prix-Gucken" scheint auf jeden Fall ein eher Hamburgisches Ding zu sein. In anderen Teilen von Deutschland - sowie in England - wird die Veranstaltung zwar geguckt, aber nur von Leuten, die eh Samstagabends vor der Glotze hängen. Dass man speziell eine Party dafür schmeißt, dass habe ich nur in Hamburg erlebt.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Punktevergabe immer vom Spielbudenplatz auf Pauli erfolgt? Die Hamburger fühlen sich denn gebundener an den Grand Prix - und wollen natürlich gucken, ob Deutschland gewinnt. Wenn ja, lassen sie in der Wohnung alles stehen und laufen auf den Kiez.

*

Lenas Erfolg war sehr Deutschland-ca.-2006. Das war WM-Stimmung insofern, als die Deutschen nicht glauben konnten, wie einfach das mit Normalität auf der Weltbühne jetzt geht. Man darf mit Fähnchen schwenken und sich unverhohlen freuen, dass ein Vertreter seines Landes Erfolg hat, ohne dabei in Verdacht des Bismarck'schen Nationalismus - oder Schlimmeres - zu geraten.

Lena und ihr Show waren übrigens für den Deutschland-Kenner der reinste Ausdruck der modernen Bundesrepublik. Also schlicht, geschäftsmäßig und praktisch angezogen - man vergleiche Lenas kleines Schwarzes mit - naja, mit den Outfits von den ganzen anderen Tussen da. Ein Sinnbild der kargen aber attraktiven deutschen Ästhetik, ein Pendant zur deutschen Liebe zu IKEA-mäßig schlichten Inneneinrichtungen und Zweckbauten mit Stahl und Glas.

Auch analog zu größeren Tendenzen im zeitgenössischen Deutschland: Everything in English! Deutschland hat sich früher als andere große Kulturnationen damit abgefunden, dass Englisch die Weltsprache ist und ganzen Generationen von Deutschen dementsprechend eingetrichtert, dass alles auf Englisch gehen muss - inklusive der eigenen Kultur. Und das ist ein Erfolgsrezept. Da mag der Pedant wie ich falsches Englisch bei der Deutschen Bahn soviel kritisieren und sich soviel über Lenas grässlichen Akzent - irgendwo zwischen Dickens'chen Waisenkind und bösewilligem Persiflage einer schwarzafrikanischen Soul-Sängerin angesiedelt - lustig machen: Weniger anspruchsvolle Englischsprechende merken das nicht. Auch nicht die ganzen anderen Europäer, die Englisch ebenfalls mühsam lernen mussten: Was ausschlaggebend ist.

Und ganz wie das Deutschland von heute kann Lena kaum glauben, dass sie gewonnen hat. Dank Fleiß, Übung und Kalkulation produzieren deutsche Firmen Produkte, die in aller Welt gefragt sind: Ist doch kein Kunststück, dass man da Erfolg hat. Lena und Raab haben mit ihrem zweckmäßigen Schlager-Lied genau das richtige für Eurovision gewählt und sie hat es schön fleißig geübt: Sie ihr der Erfolg gegönnt!

Saturday, 22 May 2010

Kiosk-Gespräch

"Und Streichhölzer bitte, wennse welche haben."

"Ja, hier, gerne. Schenk' ich dir!"

"Danke"

"Was? Das tut er bei nicht, der alte Geizkragen! Jedes Streichholz rechnet er einzeln ab - 10 Cent. Wucherei ist das! Aber ich bin ja nun mal kein Deutscher."

"Ich auch nicht. Das weiß er aber nicht!"

Monday, 10 May 2010

"In eigener Sache", wie das hierzulande heißt, wenn man gerne angeben will...

Ja, liebe "Lost in Deutschland"-Leser, da habe ich mal Grund diese sehr deutsche Medien-Formulierung zu benutzen: Denn ich habe was in eigener Sache zu vermelden.

Und zwar (auch noch eine sehr deutsche - und etwas überflüssige Formulierung): Von diesem Blog kommt nun ein Buch!

So etwas ist zugegebenermaßen fast zu einer Branchenüblichkeit geworden, da der Blogger ja von mehr als Klickzahlen, Selbstüberzeugung und zahlreichen Nebenberufen leben muss. Dennoch bin ich besonders stolz, dass "Lost in Deutschland" nun trimedial als Blog, Videoblog und Buch erschienen sein wird.

Es bleibt nur noch Radio, Telegramm und Felsbilder beziehungsweise Steinmeißelungen, und dann bin ich wirklich auf allen denkbaren Kanälen vertreten.

Damit aber das Budget für weitere Projekte - also für einen Steinmeißel - reicht, muss das Buch zunächst gekauft werden. Wer überschauliche 9.95 EUR zur Verfügung hat und sich ein Geschenk leisten will, das er bis zur Lieferung im September vergessen haben und worüber er sich dann erneut freuen wird - der kann das schon hier tun.

Diejenigen, die aber gerne weiterhin online lesen: Die können's nach wie vor hier tun. Spenden für den Steinmeißel sind trotzdem natürlich immer willkommen.

Monday, 3 May 2010

"Kommen Sie bitte pünktlich zur Mai-Krawalle!"

Die hat was sehr Deutsches, diese Mai-Krawalle. Obwohl sie einerseits gewaltätig und unordentlich ist, was ja für meine Wahlheimat eher untypisch ist, ist sie auch einigen strengen Regeln der Organisation unterworfen, auf eine Art und Weise, worauf das in kaum einem anderen Land vorstellbar ist.

Wenn mal mal drüber nachdenkt: So was passiert nur in Berlin-Kreuzberg und in Hamburg in der Schanze und nur in der Nacht zur ersten Mai (gut, in HH auch noch zum Schanzenfest, aber das war's dann auch).


Das muss man sich mal vorstellen: gewaltbereite Menschen, die sinnlos Sachen zerstören wollen, eine ganze Stadt zur Verfügung und 364 Tage, an denen die Polizei eben nicht so schnell reagieren könnte. Aber alle finden sich schön pünktlich zum Sonnenuntergang in die vorher festgelegten Straßenzüge ein und dann geht es wie besprochen los. Es gibt Krawalle, Remmi-demmi und Feuer, und dann gehen fast alle nach Hause. Ein paar werden ärztlich versorgt und keiner stirbt.

Ich vergleiche das mit den Erfahrungen, die 2005 in Paris während den Unruhen gesammelt habe, wo gar nichts nach Termin lief und wo sich die Gewalt schnell in andere Viertel ausbreitete und denk': Nur in Deutschland.

Am 30. April sowie am 1. Mai war ich feiern, beide Nächte durch, und beide Nächte nie mehr als einen Kilometer von der Schanze entfernt. Und mit der Ausnahme von einigen Polizeiwagen habe ich wenig mitbekommen - und nichts abbekommen.

Vielleicht wurde ich ausgeladen vom Verein Mai-Krawalle - den muss es ja geben, sind wir doch in Deutschland.

(Foto - Flickr-Nutzer Master_Mojo)

Wednesday, 28 April 2010

Fahrradland Deutschland

Es gibt so einige Sachen, über die ich als Engländer auch nach zwei Jahren in Deutschland nicht Bescheid weiß.

Zum Beispiel: Man sollte in den nicht-hügeligen Städten Deutschlands nicht zum Frühlingsauftakt, seinem Fahrrad eine kleine Wartungseinheit zu unterziehen. Das habe ich heute gelernt. Denn jedes Fahrradgeschäft, in das ich reingelaufen bin, sagt: "Wir haben keine Termine".

Termine?

Fahrradgeschäft?

In England sind Fahrradgeschäftinhaber verpeilte Ex-Hippies, die soviel Hasch rauchen, dass sie allein bei der Erwähnung des sich sehr businessmäßig anhörenden Wortes "Termin" Schweißausbrüche kriegen würden (es hieße natürlich auf English nicht "Termin" sondern "appointment" oder "slot").

Die Deutschen Fahrradmechaniker (ich nenne die einfach mal so, weil es bestimmt eine Ausbildung gibt, die so heißt) sehen zwar so aus, müssen aber - weil sie nun mal in Deutschland arbeiten - professioneller agieren.

Denn der deutsche Kunde, der mit TÜV eines der weltweit strengsten Autosicherheitstests ohne zu meckern jedes zweites Jahr über sich ergehen lässt, fährt nichts, was nicht top gepflegt ist. Über Winter hat das Rad wohl gelitten und jetzt muss es wieder fahrbereit gemacht werden. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mein übliches Fahrradgeschäft in diesen Tagen mit mir einen Termin ausmachen will, wo ich doch sonst normalerweise einfach vorbeifahre und dass Ding kurz abgebe.

Der deutsche Fahrradfahrer: der wäscht wohl sein Rad jeden Samstag und lässt einen TÜV-Aufkleber daraufbadgen.

Friday, 23 April 2010

Koinzidenz deutet nicht immer auf Korrelation hin

Heute ist für den in Deutschland lebenden Engländer ein doppelt wichtiger Tag:

1. es ist der Tag der deutschen Biere;

2. es ist ebenfalls St. George's Day, die fast-vergessene
Nationalfeier der Engländer.

Während die Schotten es am St. Andrew's Day, die Valiser am St. David's und die Iren am St. Patrick's so richtig krachen lassen, ist am St. George's Day erstaunlich wenig los.

Wo auch immer auf der Erde es irische Bevölkerungen gibt, sind am 17. März alle auf der Straße und voll am Feiern - am bemerkenswertesten ja in New York. Das kommen Iren aus aller Welt zusammen und da wird beim Guiness ganz gemütlich. Ebenso die Schotten mit einer Flasche Whisky.

Nur bei den Engländern nicht. Vielleicht deswegen, weil unser Nationalgetränk - das nun mal Bier sein soll - meistens eine untrinkbare Plörre ist. London Pride geht gerade noch. Aber das war's so ungefähr.

Eigentlich hätte der 23. April Anspruch, der deutsche Nationalfeiertag zu sein: Die Errungenschaften der deutschen Brauer haben über Jahrhunderte die deutsche Identität geprägt - und auch wenn man nicht mehr Weltexportmeister ist, gilt man in Sachen Bier immer noch gemeinhin als Weltbester.

Tuesday, 23 March 2010

Städtebahnen


Es ist ein Thema, das mich - und wohl so einige Deutsche - immer wieder faszinieren wird: Die U-, Straßen- bzw Stadtbahn (nicht mit der S-Bahn zu verwechseln!).

Das ist der Begriff für diese lustigen halb-oberirdisch-halb-unterirdische ÖPNV-Dinge, die in vielen deutschen Städten unterwegs sind. Die fahren mal auf der Straße, mal in Tunneln, mal einfach so durch die Gegend, und sind somit weder richtige Straßen- noch U-Bahnen. Erstere fahren nämlich nur auf der Straße mit den Autos ohne eigene Strecken, und die gibt es nur in vergleichsweise wenig Städten wie Berlin und München. Und Letztere müssen zwar nicht immer unterirdisch fahren - können sogar einige Meter oben in der Luft fahren - aber müssen immer eigene, von allen anderen Verkehrsmitteln abgeschnittene Strecken haben, so wie in Berlin, Hamburg, München usw.

Doch sagen nur die wenigsten im täglichen Sprachgebrauch "Stadtbahn". In Düsseldorf zum Beispiel sagt man zu allem Straßenbahn oder U-Bahn, davon abhängig, wo man startet und wie. Das wurde auch jahrelang dadurch gefördert, dass die unterirdischen Stadtbahnlinien unter dem Hauptbahnhof mit "U-Bahn" ausgeschildert wurden. Wohl der verständigungstechnischen Einfachheit sowie der weltmännisch-weltstädtischen Konnotationen halber.

Jetzt nach der Rennovierung im Hauptbahnhof heißt alles aber schön korrekt - und wie schon woanders in Düsseldorf und Umgebung - "Stadbahn": allerdings mit einem U, denn die Leute werden nach wie vor U-Bahn zu den Dingern sagen. Fahren sie doch teilweise unterirdisch.


Thursday, 18 March 2010

Deutsche Humorlosigkeit (?)

Gibt es die, die berühmte deutsche Humorlosigkeit, die nicht nur Ausländer sondern auch mal die Deutschen sich selbt bescheinigen?

Tendenziell sag ich da "nein". Die Deutschen kommen mir umgekehrt oft genug als urkomisches Volk vor, ein Volk, dass sich gerne vergnügt und für jeden Spaß zu haben ist. Vor allem genau an der Stelle, wo der Außenstehender nicht merkt, das es lustig sein soll. Deswegen lacht Loriot vor der Kamera nicht: Der Spaßfaktor soll mit fingierte Ernsthaftigkeit noch gesteigert werden.

In dem Sinne habe ich auf mein XING-Profil unter Organisationszugehörigkeiten einen imaginären Verein stehen, der VEmBgT, oder: Verein Eimsbüttler mit Balkon gegen Tauben. Denn: wie so einige Menschen die ich kenne, ich wohne in Eimsbüttel, habe einen Balkon und Tauben nerven. Und den Verein gibt es aus diesem Grund inoffiziell. Und das ist ja ein Kerngebiet der deutschen Humor: Die Übertreibung ins Absurde, die versuchte Organisation des Nichtzuorganisierenden.

Das hat eine gewisse Michaela Schalk gestern Abend zur späten Stunde aber gar nicht mehr verstanden. In einer XING-Nachricht mit der Betreffszeile "Was ist das denn bitte für ein Verein?" schnauzt mich die mir bisher unbekannte Frau Schalk an, man solle "eher eine für alle Lebenswesen positive Lösung finden".

Äh, war das jetzt der deutsche Humor, bewusst überdreht und voller fingierte Ernsthaftigkeit?

Oder hat die Frau Schalk das halt nicht verstanden?

Und - moment mal, *Blick auf ihr Profil* - arbeitet die Frau Schalk nicht für McDonalds? Ein Unternehmen, das sich dermaßen für "für alle Lebenswesen positive Lösungen" begeistern kann, das es ganze Regenwälder abholzt, Tiere in genozidmäßiger Zahl schlachtet und noch oben drauf Kinder weltweit adipös macht?

Oder ist auch das Teil eines sehr deutschen Witzes?

Monday, 15 March 2010

Faszination Messe

Letzte Woche war ich auf der ITB in Berlin unterwegs, der weltweit größten Tourismus-Messe. Die war erwartungsgemäß Reizüberflutung pur - Geräusche, Gerüche und Ansichten von fast jedem Land auf der Erde, die sich alle binnen wenigen Stunden auf einen aufzwingen; Hinz und Kunz da unterwegs, jede erdenkliche Sprache durch die Hallen schallend... Hammer.

Die Messe: die verstehen die Deutschen so richtig zu inszenieren, und das merken die anderen. In Hannover gibt es CeBIT, die weltweit bedeutendste Informatik-Messe, in Frankfurt findet die weltgrößte Buchmesse immer statt: Sonst sind die größten Sachen üblicherweise in den USA oder zunehmend China zu finden. Aber mit Messen kennen sich die Deutschen aus.

Sie haben ja den Begriff erfunden: "Messe". Da brauchen die Engländer viele Wörter - "trade fair" für die Veranstalung und "exhibition centre" für den Veranstaltungsort - und die reichen irgendwie nicht an die Bedeutung von "Messe" heran. Die Messe ist ein wichtiger Bestandteil fast jeder deutschen Großstadt, immer im ÖPNV-Netz fest verankert und architektonisch immer, äh, imposant. Und nicht nur hat jede Stadt eine, jede Stadt hat zudem ihre Themengebiete: Von Hunden in Dortmund zu Spielzeug in Nürnberg über so einigen Sachen von mehr oder minder Bedeutung.

Im U.K. dahingegen gibt es in Birmingham das NEC und in London Earls Court, und das war's irgendwie. Medienwirksam und vom großen Publikum beliebt sind auf jeden Fall die Ideal Home Show (Häuser und Einrichtung stellen so was wie einen britischen Fetisch dar) und die Boat Show, aber da war es dann irgendwie auch.

Nein, die Messe ist eine deutsche Sache schlechthin. Führt sie doch auch viele Eigenschaften von Deutschland heute zusammen: ein nicht zu übertreffendes Organisationsvermögen, der selbstverständliche Großeinsatz von öffentlichen Verkehrsmitteln und eine ungezwungene und freundliche Internationalität.



Für die Bilder danke ich Flickr-User schrottie (oben) und der ITB (unten)

Wednesday, 3 March 2010

Wir sind in der Mehrzahl

Heute beim Übersetzen wurde es mir wieder klar, wie schwer sich Deutsche - vor allem deutsche Gastronomen - mit der korrekten Mehrzahl tun.

Das Problem: Als ob das im Deutschen schon nicht kompliziert genug wäre (z. B. Laus - Läuser aber Laut - Laute; Gürtel - Gürtel aber Klingel - Klingeln...) kommen da wie Duden die nennt "Fremdwörter" zu.

Und weil "Wörter mit Migrationshintergrund", wie ich die lieber nenne, sich integrieren müssen, brauchen sie eine Mehrzahl. Nur ist es oft so, dass diese Wörter schon in der Mehrzahl sind, wenn sie im Deutschen aufgenommen werden - so als ob der zuständige Beamte in der Einwanderungsbehörde den Nachnamen falsch buchstabiert hätte, wie das so manchmal vorkommen kann.

Beispiel: Spaghetti

Fast alles im Italienischen, was mit "i" endet, ist schon Mehrzahl. Darüber hinaus muss Spaghetti quasi immer in der Mehrzahl sein - wer braucht denn ein "Spaghetto"? Die Deutschen brauchen aber oftmals mehrere "Spaghettis". Aber die Portionen hierzulande sind ja etwas größer.

Beispiel von heute: Mandorle

Im Italienischen ist ebenfalls die "e"-Endung oft ein Plural. Doch heute las ich "Mandorles".

Wobei die Engländer da auch mal Schindluder treiben: Vor einigen Jahren wurden in meinem Geburtsland "panini" (pl. von panino oder "Brötchen") schlagartig zum Renner und jetzt bietet jedes zweites Café trockene, überteure "paninis" an.

Bäh! Sowohl geschmacklich als auch sprachlich.

Saturday, 27 February 2010

Andingsen

Wie oft habe ich schon darüber gebloggt, wie ich sehr den logischen Aufbau der deutschen Sprache schätze? Hmm... schon einmal in diesem Jahr auf jeden Fall.

Also brauche ich mich nicht allzu sehr zu wiederholen. Es reicht wohl wenn ich schreibe, dass ich dieses Baukastensystem sehr mag - also das mit ab-, an-, er-, herunter-, mit- & Co. plus Verb. Funktioniert prima.

Doch wie in allen guten Systemen gibt es Stellen, wo alles zusammenfließt, wo Ineffizienz hervorkommt - sogenannten Flaschenhälse sind das.

Und einen davon kann man im Deutschen sehr schnell ausfindig machen: an- + Verb mit Bedeutung, sich mit jemanden anlegen, jemanden herunterputzen.

Hier eine Liste von Beispielen, die ich diese Woche gelesen oder gehört habe:

anfauchen,
anmotzen,
anpflaumen,
anfahren,
anschnauzen
und
- das Schönste überhaupt -
ankacken.

Natürlich hat hier das Englische zahlreiche Synonyme - to go at, to have a go at, to lay into, to blow at, to jump on, to crazy at fallen mir beispielsweise sofort ein. Was man aber sofort merkt: Das sind unterschiedliche Konstruktionen - und da haben wir im Deutschen nur bei der einen Konstruktion schon sechs Synonyme (und ich wette mit euch, die zahlreichen deutschen Mundarten können locker weitere sechs dazuspülen...).

Heftig.

Wie soll man da auswählen? Na gut, "ankacken" brauche ich im Vorstellungsgespräch als Assistent im Kanzleramt nicht rauspacken, is' klar. Aber ansonsten.

Ich bleibe der Einfachheit halber bei "andingsen".

Tuesday, 23 February 2010

"Karneval ist Krieg, Alter!"

"Karneval ist Krieg, Alter!" Das war am Rosenmontag Spruch des Tages bei uns.

Wer waren wir? Eine Vierer-Gruppe dollster Jecken, die Düsseldorfer Altstadt unsicher zu machen bedachten. Mit einer Einladung zu einer Privatparty in der Bergerstraße und einer Flasche Jägermeister in der Tasche zogen wir los: Und merkten bald, wie sehr sich Karneval und Krieg ähneln.

Die Parallelen waren nicht zu übersehen. Wir starteten als Einsatzgruppe in Tarnkleidung vom Ausgangslager mit einer Mission: Eine Stadt zu durchlaufen, die uns fremd (geworden) war. Straßensperre hier, Kolonne da - einige Strecken nicht mehr passierbar. Überall lag noch der Schutt vom gestrigen Bombardement.

Die Mission war, in der Bergerstraße eine strategisch wichtige Stellung einzunehmen: von dort aus hätten wir einen panoramischen Blick über das Kriegsgeschehen. Die feindliche Kolonne sollte laut Geheimdienstquellen nämlich genau dort vorbeiziehen.

Doch wurde der Kampf zunehmend zäh. Am Einsatzort hatten schon einige feindliche Bataillone sich verschanzt: Die Straße war nicht zu überqueren. Die Kolonne donnerte vorbei: Wir gerieten unter Beschuss. Die Kommunikation zwischen uns wurde erschwert: Einige Soldaten wurden vermisst. Wir erlitten Verluste, mussten taktische auf die Situation reagieren und mussten uns von der Strategie verabschieden.

Und ganz wie im Krieg herrschte eine besondere Stimmung hinter der Front. Die Zivilisten zollten uns ihren Respekt und feierten mit uns, als ob wir uns nie wieder sehen wurden. Eine Hemmungslosigkeit, eine Offenheit flüchtigen Bekanntschaften gegenüber, die erst dann an den Tag gelegt wird, wenn die normalen Regeln des bürgerlichen Lebens wegen widrigen Umständen nicht mehr gelten.

"Karneval ist Krieg, Alter!"
Für das Foto danke ich Qlis bei Flickr

Thursday, 4 February 2010

Schwarz-Gelb Deutschland


Wie geil war das denn bitte? Heute Morgen, Deutschlandfunk, um 8:00 und dann - weil es so schön zu hören ist - nochmal um 8:30:

"Der Bundestagsfraktionsvorsitzende der CDU warnte, Schwarz-Gelb dürfe sich nicht nur auf bestimmte Gebiete wie Steuersenkungen für Hoteliers konzentrieren. Andere Koalitionspolitiker mahnten, die Kommunikation nach außen sei verbesserungsbedürftig..."

Wer hätte gedacht, dass das Gefährliche an der Farbkombination Schwarz-Gelb so früh so klar geworden wäre. Ich dachte, ich würde locker drei bis vier Jahre Westerwelle-Fieber und anhaltende Merkel-Beliebtheit aushalten müssen. In der Zeit hätten ihr Unwesen ungestört treiben können und die meisten Bürger hätten den Stich erst später gemerkt.

Jetzt geht es mit den irrsinnigen Steuersenkungen und solchen Geschichten hoffentlich ein bisschen langsamer vor: denn Schwarz bremst Gelb.

Thursday, 28 January 2010

German Gruppendynamik

Die Deutschen behaupten auch selbst mal von sich, sie wären ein Volk, dass häufig dem Gruppenzwang erliegt.

Häufig würde ich als Zugezogener nicht sagen, aber schon manchmal. Oder besser gesagt: Zu bestimmten Anlässen. Zum Beispiel zu Silvester, wo jede Bäckerei zwangig Tausend Berliner verkauft und wo jeder Deutsche im Schnitt sechshundertdreißig Euro für Feuerwerkzeugs ausgibt*.

Auch im Netz lassen sich die Gruppenanlässe spüren. Und zwar will ich mich zum Karneval verkleiden: Und was denkt ihr, wie schwierig das ist, über e-Bay roten Stoff und weiße Handschuhe zu ersteigern?

Hammer. Da ist ungelogen bei e-Bay fast Ausverkauf. Bei e-Bay!

*Statistiken stimmen keineswegs

Monday, 25 January 2010

Radikalrabatte bei Baukastensystemen


Ich hatte schon mal letzte Woche erneut über meine Liebe für das logische Baukastensystem "Deutsche Sprache" hier unten geschrieben, und jetzt kommt ein kleiner Nachtrag.

Ja, sehet da, schon mal beim Wort "Nachtrag" sind wir wieder voll drin im Thema: Nach-trag, Ein-trag, Auf-trag, Er-trag - so viele Wörter, so schnell. Wenn ich bloß immer sofort wüsste, was sie ganz genau zu bedeuten haben. Aber naja, man kann ja nicht alles haben.

Wobei: Es gibt wiederum die Zusammensetzungen, die man sich sofort erschließen kann. Ich liebe diese ganzen Sachen mit "kaputt-", zum Beispiel: "kaputtgehen", "kaputtreden", "kaputtreparieren". Letzteres ist besonders ausdrucksvoll, weil ein dialektisches Zusammenjochen von zwei eigentlich entgegengesetzten Begriffen. Da freut sich der nerdige Sprachwissenschaftler in mir.

Auch schön: die "schön-"-Wörter, z. B. "schönreden". Richtig lustig wird es bei den Varianten, die ein Verhalten beschreiben, dessen wir alle mal schuldig sind: "sich etwas schöntrinken", "sich etwas schönkiffen", und so weiter. Herrlich.
Ich dachte aber, die besten dieses Schlags schon gehört zu haben - was mich einigermaßen traurig stimmte. Doch ich wurde heute morgen überrumpelt: "radikal-" als Präfix hatte ich noch nicht gehört. Die genaue Version lautete "radikalduzen" und kam einer Mail von einer mir noch nicht bekannten Person vorauseilend, so in dem Tenor: wir kennen uns noch nicht, aber Siezen wäre hier irgendwie blöd.

Viele Deutsche klagen über ihre Sprache von wegen, das mit Sie und Du wäre blöd und würde einen ständig in Verlegenheit bringen. Aber wo die deutsche Sprache doch so eine elegante Lösung zu diesem Problem naturgemäß bereitstellt, sollte man da nicht rummotzen, wie ich finde: Einfach radikal werden und sich dem wunderbaren Alleszusammensetztenwieesnurgeht hingeben.

Tuesday, 19 January 2010

Wintereinbruch!


Eins, was ich an der deutschen Sprache immer wieder schätze, ist das einfache Baukastensystem. Nehmen wir das Wort "Bruch":

Durchbruch, Ausbruch, Einbruch, Umbruch, Printenbruch... (Hmm, Printen, lecker...)

Was ich sprachlich gesehen auch lustig finde in Deutschland: Das Drama der Mundart. Nichts grammatikalisches, also, sondern einfach die Art und Weise, worauf Wörter und Konzepte aufgeblasen, aufgedreht und übertrieben werden. Beispiele:

"Das geht gar nicht! Es kotzt mich an!"

Im Englischen ist man da zwar vulgärer als im Deutschen ("That's not on. It really fucks me off!") aber auch ruhiger. In Deutschland heißt es sehr wenig "das geht nicht" - es ist fast immer gleich "das geht gar nicht". Und "ankotzen" ist - obschon nicht derb wie "to fuck off" - ein ziemlich starkes Bild - d.h. es geht mir so tierisch auf die Nerven, dass ich... Wartet mal, da ist noch so ein Ding: "tierisch". Auch eine ziemliche - und sehr bildliche - Dramatisierung.

Aber der Höhepunkt sind so Sachen wie "-chaos" oder "-kollaps", die hinten dran gehängt werden und normalen Ereignissen eine ungeahnte Ausbreitung bzw. Ausartung verleihen: Man denke nur am "Verkehrskollaps" wegen "Schneechaos" in den letzten Tagen.

Da kommt, wie im Winter vorherzusehen ist, Schnee - und paar Züge fahren paar Tage nicht. Fertig? Nein. Der Schnee ist ein "Schneechaos", das einen vollkommenen "Verkehrskollaps" veranlässt.

Und all das dank dem "Wintereinbruch". Ich mag auch diese sprachbildliche Überdramatisierung sehr gerne. Der Winter ist nicht einfach nur auf einmal da, sondern "bricht ein". Er nimmt leicht kriminelle Züge an: Man stelle sich ihn in schwarz-weiß-gestreiftem Kleid vor, wie er das Schloss bei Aachen aufmacht und sich im deutschen Haus breitmacht.

Bleibt natürlich nur zu fragen, was er danach macht. Sind diese Tage, an denen der Schnee wieder schmilzt, etwa "Winterwiederausbruch"? Oder "Winterzusammenbruch"?

Ach, ich hab's: "Winterkollaps".

Friday, 15 January 2010

Gescheit: Jetzt weiß ich bescheid

Heute in der Mittagspause las ich in der ZEIT eine Buch-Rezension über die Schwarzgeldkonten-Affären und die CSU (leider noch nicht online). Ein Finanzbeamter erzählte aus seiner Sicht wie das damals war, "als die CSU noch korrupt und erfolgreich" jede Wahl problemlos gewann.

Der Text schließ mit der Frage ab, ob es weitere "g'scheite Affären" geben könnte. Beim Wort "g'scheit" hielt ich mich auf. Ich wusste um die zwei primären Bedeutungen:

- gescheit, veraltet: gescheid (1) von großer Intelligenz, einen scharfen Vertand habend (2) umgs.: vernünftig

"Gescheit". Als Engländer, der sein Deutsch im Norden und im Westen gelernt hat, habe ich mit dem Wort wenig zu tun. Im Hochdeutschen sagt man ja "vernünftig". Ein Pils ist ein "vernünftiges" Bier, um Grünkohl "vernünftig" essen zu können braucht man sieben Tonnen Schweinefleisch, usw.

Aber unten in Bayern ist ein Weizen ein "g'scheites" Bier. Und "gescheit" hat auch andere Anwendungen, wie ich schon am Bundestagswahlwochenende 2009 in München lernte: "g'scheit wählen" heißt nämlich CSU wählen.

Und so wie ich es jetzt von dem ZEIT-Artikel nachvollziehe, heißt "g'scheit" putzigerweise eben "krumm", wenn man das im Doppelkontext CSU und Spendegeld benutzt. Da guckte ich nochmal nach im Wörterbuch:

- gescheit (3) veraltet: hinterhältig, schlau, listig

Und dann schrieb ich nochmal zusammenfassend meine eigene Anmerkung dazu:

- gescheit (4) politisch: mit der CSU zu tun habend

Tuesday, 12 January 2010

Im Schnee


Als Engländer hat man ein anderes Verhältnis zu Schnee als der Durchschnittsdeutsche. Trotz lustigen Schlagzeilen letzte Woche und letzten Februar gibt es in London so selten richtigen Schnee, dass man sich jedes Mal darüber freut. Ich hatte in meiner ganzen Kindheit wohl fünfmal Schnee: Einmal habe sogar einen Schneemann bauen können - und das ich mich so klar daran erinnern kann, besagt, dass das nicht oft vorgekommen sein dürfte.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich beim Bau keine Handschuhe anhatte und dann leicht verwundert war, als ich nach der Errichtung merkte, dass meine Hände ganz rot waren und ich die nicht mehr spuren konnte.

Anhaltende Begeisterung und mangelnde Ausrüstung: Das sind die zwei Sachen, mit denen ich heute noch Schnee begegne.

Das merke ich in diesen Tagen. Ich will Schneeballschlachten anstellen, ich will Schneemänner bauen, ich will Schneeengel machen: Und meine Mitbewohner machen gar nicht mit. Zum Glück hatte ich kurz vor Weihnachten Besuch aus England - da hat er mich unten vor der Haustür aufgelauert, um mir einen Riesenschneeball in die Fresse zu hauen. Da habe ich gewartet, bis er nicht guckte, um ihn Schnee in den Nacken zu packen. Wir haben nur noch gelacht.

Allerdings hat er gefroren. Der hatte keinen richtigen Wintermantel und musste letztendlich ein Unterhemd, zwei T-Shirts, zwei Pullis und dann auch noch sein Jäckchen anziehen. Ich habe zwar mittlerweile einen dicken Wintermantel und einige länge Unterwäsche (die haben Engländer in der Regel nie), aber mir fehlen gute Stiefel: Entweder ziehe ich Trainungsschuhen an, die gute Sohlen haben aber keineswegs warm halten, oder ich ziehe Lederschuhen an, die zwar deutlich wärme-isolierender fungieren, deren Sohlen aber unpraktischerweise glatt sind. Da lachen die Deutschen nur.

Und gestern habe ich dummerweise mein Fahrrad vorm Fitness-Studio stehen lassen. 5000 Ruder-Meter und 12 Sätze Brust-und-Triceps später und das Ding war eingeschneit, und zwar nicht mehr mit diesem Pulverschnee von letzter Woche sondern mit Klumpen, die sich in die Ritzen zwischen den Gängen eingearbeitet haben und das Rad erstmal unfahrbar machten.

Aber egal. Hauptsache: alles sieht wunderschön aus. Und eins habe ich in Sachen Schneeballschlachten mit Deutschen gemerkt. Zwar sagen sie immer, dass sie keinen Bock darauf haben und fragen mich, ob ich "noch nie in (m)einem Leben Schnee gesehen (habe) oder wat?", aber spätestens dann, wenn du die ins Gesicht triffst, schießen sie zurück. Und dann: Klatsch! Da geht's richtig ab!

Monday, 4 January 2010

"Frohes Neues, Alter!": Silvester in Deutschland


In der Debatte um den Zweiten Weltkrieg und der Frage, ob es so was wie eine "deutsche Schuld" gibt, kommt das Wort "Mitläufer" oft vor. Eine "Mitläufer-Mentalität" sei ein besonders deutsches Problem gewesen damals, das diese entsprechend besondere Vokabel benötige: So lernten wir das im Deutschunterricht.

Nun finde ich als Mensch, der in vielen Orten gelebt und gearbeitet hat, dass das "Mitläufertum" in jedem Land existiert. Es ist nur dann die Frage, auf welche Art und Weise sich dieses Dazugehörenwollen bzw. Sichnichtmehrabgrenzenvon eben ausdrückt.

Im UK sieht man Mitläufer immer wieder im Immobilienmarkt. In Frankreich sind es vor allem Sprüche und Ausdrucksweisen, an die sich alle auf einmal auffällig festklammern. Und in Deutschland zeigt sich das Potential zur Rudelmentalität im vollen Umfang am Silvester.

Schon um 23:50 ging das los. Vom Balkon aus sah ich, wie das Panorama von Hamburg explodierte. Von der Alster links über die Stadtmitte bis zum Hafen schossen Raketen hoch. Unter mir an der Fruchtallee mussten Autos ausschweifen, als Jugendliche - einige meiner Mitbewohner darunter - auf diese sechsspurige Verkehrsader stürmten, um dort Flaschenraketen loszuschießen und Böller runterzuschmeißen.

Eine Halbstunde später waren alle immer noch dabei. Die Geräusche erschienen, die Farben tobten synästhesisch weiter. Wunderschön war es, aufregend, aber mit einem Hauch von Bürgerkrieg immerhin. Solche Bilder bekam man als Engländer in meiner Alterklasse nämlich von Jugoslawien ca. 1993 in den Nachrichten zu sehen: Hochhäuser irgendwo in Europa in der Nacht, Raketen am Vorbeischießen, fliehende Menschen.

Nicht, dass die Engländer kein Feuerwerk mögen: Bei uns ist vor allem der 5. November ein nationaler Feuerwerkfest. Aber der Raketenacker ist irgendwie dünner gesät. Die Menge ist kleiner und wird über einen ganzen Abend -und dann am nächst gelegenen Samstagabend - verballert bzw. verböllert. Offizielle Veranstaltungen den Kommunen ersetzen übrigens vielerorts die Straßenschlacht à la Silverster in Deutschland.

Das es in Deutschland aber so abgeht, ist klar. Denn deutscherweise ist der Verkauf von Feuerwerkskörper bis auf einige Tage verboten und die Dinger dürfen nur am 31. oder 1. abgebrannt werden. Diese Organisierung des Chaotischen ist auf jeden Fall sehr Deutsch (das Oktoberfest und Karneval lassen grüßen). Und einige Begriffe, die mit Silvester verbunden sind, gibt es eben wirklich nur in Deutschland: "Ordnungsamt", "Feuerwerkverkaufstage", "Ausverkauf".
Danke an roehe (Flickr) für das Bild