"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 28 January 2010

German Gruppendynamik

Die Deutschen behaupten auch selbst mal von sich, sie wären ein Volk, dass häufig dem Gruppenzwang erliegt.

Häufig würde ich als Zugezogener nicht sagen, aber schon manchmal. Oder besser gesagt: Zu bestimmten Anlässen. Zum Beispiel zu Silvester, wo jede Bäckerei zwangig Tausend Berliner verkauft und wo jeder Deutsche im Schnitt sechshundertdreißig Euro für Feuerwerkzeugs ausgibt*.

Auch im Netz lassen sich die Gruppenanlässe spüren. Und zwar will ich mich zum Karneval verkleiden: Und was denkt ihr, wie schwierig das ist, über e-Bay roten Stoff und weiße Handschuhe zu ersteigern?

Hammer. Da ist ungelogen bei e-Bay fast Ausverkauf. Bei e-Bay!

*Statistiken stimmen keineswegs

Monday, 25 January 2010

Radikalrabatte bei Baukastensystemen


Ich hatte schon mal letzte Woche erneut über meine Liebe für das logische Baukastensystem "Deutsche Sprache" hier unten geschrieben, und jetzt kommt ein kleiner Nachtrag.

Ja, sehet da, schon mal beim Wort "Nachtrag" sind wir wieder voll drin im Thema: Nach-trag, Ein-trag, Auf-trag, Er-trag - so viele Wörter, so schnell. Wenn ich bloß immer sofort wüsste, was sie ganz genau zu bedeuten haben. Aber naja, man kann ja nicht alles haben.

Wobei: Es gibt wiederum die Zusammensetzungen, die man sich sofort erschließen kann. Ich liebe diese ganzen Sachen mit "kaputt-", zum Beispiel: "kaputtgehen", "kaputtreden", "kaputtreparieren". Letzteres ist besonders ausdrucksvoll, weil ein dialektisches Zusammenjochen von zwei eigentlich entgegengesetzten Begriffen. Da freut sich der nerdige Sprachwissenschaftler in mir.

Auch schön: die "schön-"-Wörter, z. B. "schönreden". Richtig lustig wird es bei den Varianten, die ein Verhalten beschreiben, dessen wir alle mal schuldig sind: "sich etwas schöntrinken", "sich etwas schönkiffen", und so weiter. Herrlich.
Ich dachte aber, die besten dieses Schlags schon gehört zu haben - was mich einigermaßen traurig stimmte. Doch ich wurde heute morgen überrumpelt: "radikal-" als Präfix hatte ich noch nicht gehört. Die genaue Version lautete "radikalduzen" und kam einer Mail von einer mir noch nicht bekannten Person vorauseilend, so in dem Tenor: wir kennen uns noch nicht, aber Siezen wäre hier irgendwie blöd.

Viele Deutsche klagen über ihre Sprache von wegen, das mit Sie und Du wäre blöd und würde einen ständig in Verlegenheit bringen. Aber wo die deutsche Sprache doch so eine elegante Lösung zu diesem Problem naturgemäß bereitstellt, sollte man da nicht rummotzen, wie ich finde: Einfach radikal werden und sich dem wunderbaren Alleszusammensetztenwieesnurgeht hingeben.

Tuesday, 19 January 2010

Wintereinbruch!


Eins, was ich an der deutschen Sprache immer wieder schätze, ist das einfache Baukastensystem. Nehmen wir das Wort "Bruch":

Durchbruch, Ausbruch, Einbruch, Umbruch, Printenbruch... (Hmm, Printen, lecker...)

Was ich sprachlich gesehen auch lustig finde in Deutschland: Das Drama der Mundart. Nichts grammatikalisches, also, sondern einfach die Art und Weise, worauf Wörter und Konzepte aufgeblasen, aufgedreht und übertrieben werden. Beispiele:

"Das geht gar nicht! Es kotzt mich an!"

Im Englischen ist man da zwar vulgärer als im Deutschen ("That's not on. It really fucks me off!") aber auch ruhiger. In Deutschland heißt es sehr wenig "das geht nicht" - es ist fast immer gleich "das geht gar nicht". Und "ankotzen" ist - obschon nicht derb wie "to fuck off" - ein ziemlich starkes Bild - d.h. es geht mir so tierisch auf die Nerven, dass ich... Wartet mal, da ist noch so ein Ding: "tierisch". Auch eine ziemliche - und sehr bildliche - Dramatisierung.

Aber der Höhepunkt sind so Sachen wie "-chaos" oder "-kollaps", die hinten dran gehängt werden und normalen Ereignissen eine ungeahnte Ausbreitung bzw. Ausartung verleihen: Man denke nur am "Verkehrskollaps" wegen "Schneechaos" in den letzten Tagen.

Da kommt, wie im Winter vorherzusehen ist, Schnee - und paar Züge fahren paar Tage nicht. Fertig? Nein. Der Schnee ist ein "Schneechaos", das einen vollkommenen "Verkehrskollaps" veranlässt.

Und all das dank dem "Wintereinbruch". Ich mag auch diese sprachbildliche Überdramatisierung sehr gerne. Der Winter ist nicht einfach nur auf einmal da, sondern "bricht ein". Er nimmt leicht kriminelle Züge an: Man stelle sich ihn in schwarz-weiß-gestreiftem Kleid vor, wie er das Schloss bei Aachen aufmacht und sich im deutschen Haus breitmacht.

Bleibt natürlich nur zu fragen, was er danach macht. Sind diese Tage, an denen der Schnee wieder schmilzt, etwa "Winterwiederausbruch"? Oder "Winterzusammenbruch"?

Ach, ich hab's: "Winterkollaps".

Friday, 15 January 2010

Gescheit: Jetzt weiß ich bescheid

Heute in der Mittagspause las ich in der ZEIT eine Buch-Rezension über die Schwarzgeldkonten-Affären und die CSU (leider noch nicht online). Ein Finanzbeamter erzählte aus seiner Sicht wie das damals war, "als die CSU noch korrupt und erfolgreich" jede Wahl problemlos gewann.

Der Text schließ mit der Frage ab, ob es weitere "g'scheite Affären" geben könnte. Beim Wort "g'scheit" hielt ich mich auf. Ich wusste um die zwei primären Bedeutungen:

- gescheit, veraltet: gescheid (1) von großer Intelligenz, einen scharfen Vertand habend (2) umgs.: vernünftig

"Gescheit". Als Engländer, der sein Deutsch im Norden und im Westen gelernt hat, habe ich mit dem Wort wenig zu tun. Im Hochdeutschen sagt man ja "vernünftig". Ein Pils ist ein "vernünftiges" Bier, um Grünkohl "vernünftig" essen zu können braucht man sieben Tonnen Schweinefleisch, usw.

Aber unten in Bayern ist ein Weizen ein "g'scheites" Bier. Und "gescheit" hat auch andere Anwendungen, wie ich schon am Bundestagswahlwochenende 2009 in München lernte: "g'scheit wählen" heißt nämlich CSU wählen.

Und so wie ich es jetzt von dem ZEIT-Artikel nachvollziehe, heißt "g'scheit" putzigerweise eben "krumm", wenn man das im Doppelkontext CSU und Spendegeld benutzt. Da guckte ich nochmal nach im Wörterbuch:

- gescheit (3) veraltet: hinterhältig, schlau, listig

Und dann schrieb ich nochmal zusammenfassend meine eigene Anmerkung dazu:

- gescheit (4) politisch: mit der CSU zu tun habend

Tuesday, 12 January 2010

Im Schnee


Als Engländer hat man ein anderes Verhältnis zu Schnee als der Durchschnittsdeutsche. Trotz lustigen Schlagzeilen letzte Woche und letzten Februar gibt es in London so selten richtigen Schnee, dass man sich jedes Mal darüber freut. Ich hatte in meiner ganzen Kindheit wohl fünfmal Schnee: Einmal habe sogar einen Schneemann bauen können - und das ich mich so klar daran erinnern kann, besagt, dass das nicht oft vorgekommen sein dürfte.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich beim Bau keine Handschuhe anhatte und dann leicht verwundert war, als ich nach der Errichtung merkte, dass meine Hände ganz rot waren und ich die nicht mehr spuren konnte.

Anhaltende Begeisterung und mangelnde Ausrüstung: Das sind die zwei Sachen, mit denen ich heute noch Schnee begegne.

Das merke ich in diesen Tagen. Ich will Schneeballschlachten anstellen, ich will Schneemänner bauen, ich will Schneeengel machen: Und meine Mitbewohner machen gar nicht mit. Zum Glück hatte ich kurz vor Weihnachten Besuch aus England - da hat er mich unten vor der Haustür aufgelauert, um mir einen Riesenschneeball in die Fresse zu hauen. Da habe ich gewartet, bis er nicht guckte, um ihn Schnee in den Nacken zu packen. Wir haben nur noch gelacht.

Allerdings hat er gefroren. Der hatte keinen richtigen Wintermantel und musste letztendlich ein Unterhemd, zwei T-Shirts, zwei Pullis und dann auch noch sein Jäckchen anziehen. Ich habe zwar mittlerweile einen dicken Wintermantel und einige länge Unterwäsche (die haben Engländer in der Regel nie), aber mir fehlen gute Stiefel: Entweder ziehe ich Trainungsschuhen an, die gute Sohlen haben aber keineswegs warm halten, oder ich ziehe Lederschuhen an, die zwar deutlich wärme-isolierender fungieren, deren Sohlen aber unpraktischerweise glatt sind. Da lachen die Deutschen nur.

Und gestern habe ich dummerweise mein Fahrrad vorm Fitness-Studio stehen lassen. 5000 Ruder-Meter und 12 Sätze Brust-und-Triceps später und das Ding war eingeschneit, und zwar nicht mehr mit diesem Pulverschnee von letzter Woche sondern mit Klumpen, die sich in die Ritzen zwischen den Gängen eingearbeitet haben und das Rad erstmal unfahrbar machten.

Aber egal. Hauptsache: alles sieht wunderschön aus. Und eins habe ich in Sachen Schneeballschlachten mit Deutschen gemerkt. Zwar sagen sie immer, dass sie keinen Bock darauf haben und fragen mich, ob ich "noch nie in (m)einem Leben Schnee gesehen (habe) oder wat?", aber spätestens dann, wenn du die ins Gesicht triffst, schießen sie zurück. Und dann: Klatsch! Da geht's richtig ab!

Monday, 4 January 2010

"Frohes Neues, Alter!": Silvester in Deutschland


In der Debatte um den Zweiten Weltkrieg und der Frage, ob es so was wie eine "deutsche Schuld" gibt, kommt das Wort "Mitläufer" oft vor. Eine "Mitläufer-Mentalität" sei ein besonders deutsches Problem gewesen damals, das diese entsprechend besondere Vokabel benötige: So lernten wir das im Deutschunterricht.

Nun finde ich als Mensch, der in vielen Orten gelebt und gearbeitet hat, dass das "Mitläufertum" in jedem Land existiert. Es ist nur dann die Frage, auf welche Art und Weise sich dieses Dazugehörenwollen bzw. Sichnichtmehrabgrenzenvon eben ausdrückt.

Im UK sieht man Mitläufer immer wieder im Immobilienmarkt. In Frankreich sind es vor allem Sprüche und Ausdrucksweisen, an die sich alle auf einmal auffällig festklammern. Und in Deutschland zeigt sich das Potential zur Rudelmentalität im vollen Umfang am Silvester.

Schon um 23:50 ging das los. Vom Balkon aus sah ich, wie das Panorama von Hamburg explodierte. Von der Alster links über die Stadtmitte bis zum Hafen schossen Raketen hoch. Unter mir an der Fruchtallee mussten Autos ausschweifen, als Jugendliche - einige meiner Mitbewohner darunter - auf diese sechsspurige Verkehrsader stürmten, um dort Flaschenraketen loszuschießen und Böller runterzuschmeißen.

Eine Halbstunde später waren alle immer noch dabei. Die Geräusche erschienen, die Farben tobten synästhesisch weiter. Wunderschön war es, aufregend, aber mit einem Hauch von Bürgerkrieg immerhin. Solche Bilder bekam man als Engländer in meiner Alterklasse nämlich von Jugoslawien ca. 1993 in den Nachrichten zu sehen: Hochhäuser irgendwo in Europa in der Nacht, Raketen am Vorbeischießen, fliehende Menschen.

Nicht, dass die Engländer kein Feuerwerk mögen: Bei uns ist vor allem der 5. November ein nationaler Feuerwerkfest. Aber der Raketenacker ist irgendwie dünner gesät. Die Menge ist kleiner und wird über einen ganzen Abend -und dann am nächst gelegenen Samstagabend - verballert bzw. verböllert. Offizielle Veranstaltungen den Kommunen ersetzen übrigens vielerorts die Straßenschlacht à la Silverster in Deutschland.

Das es in Deutschland aber so abgeht, ist klar. Denn deutscherweise ist der Verkauf von Feuerwerkskörper bis auf einige Tage verboten und die Dinger dürfen nur am 31. oder 1. abgebrannt werden. Diese Organisierung des Chaotischen ist auf jeden Fall sehr Deutsch (das Oktoberfest und Karneval lassen grüßen). Und einige Begriffe, die mit Silvester verbunden sind, gibt es eben wirklich nur in Deutschland: "Ordnungsamt", "Feuerwerkverkaufstage", "Ausverkauf".
Danke an roehe (Flickr) für das Bild